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Recyceln von Wertstoffen und von Menschen

22/11/2013

 

  In Brasilia (Brasilien) fand vom 28.-30. Oktober das 12. Müll- und Bürgerfestival unter dem Motto: „Recyceln für eine bessere Welt“ statt. Aus allen Teilen des Landes kamen mehr als tausend Sammler von recycelbarem Material, das sie in den städtischen Müllhalden finden. Ich konnte bewegt daran teilnehmen, denn ich habe jahrelang diejenigen begleitet, die verwertbares Material auf den großen Müllkippen von Petropolis aufsammelte.

Angesichts der Vielzahl an Menschen, die einen riesigen Raum füllten, sich gegenseitig umarmten und zum ersten Mal seit langem wiedersahen oder überhaupt zum ersten Mal trafen, glücklich und festlich, in einfacher Kleidung und zum Großteil afrikastämmig, fragte ich mich: Wer sind sie? Woher kommen sie? Und mir schien, als hörte ich eine innere Stimme wie im Buch der Apokalypse, Kapitel 7,14, die zu mir sprach: „Es sind die, die aus der großen Bedrängnis kommen“, die Überlebenden des harten Überlebenskampfs, geehrt, weil sie sich tapfer und siegreich allein den harten Kämpfen stellen, um ihren Lebensunterhalt und den ihrer Familien zu verdienen.

 

In Brasilien gibt es zwischen 800 000 und einer Million Männer und Frauen, die verwertbare Feststoffe recyceln. Der steigende Konsum führt zu vielen verwertbaren Abfällen aller Arten, organisch und fest, wie z. B. Karton, Plastik, Aluminium und Glas. Man schätzt, dass jeder Brasilianer ein Kilogramm Müll pro Tag produziert, vor allem in den städtischen Gebieten. Gemäß dem IBGE (Brasilianisches Institut für Geografie und Statistik) von 2008 besitzen 50 % der Städte (5507) eine offene Müllkippe. Dort kommen tausende von Menschen, Jung und Alt, zusammen und sammeln, was zu sammeln ist, einschließlich Nahrung. Diese Aktivität ist äußerst gefährlich, denn dort kann man sich viele ansteckende und entzündliche Krankheiten zuziehen. Ich habe dort Leute gesehen, die sich in würdeloser Weise um Schweine und Geier stritten. Dies ist das Ergebnis einer Konsum- und Müll-Gesellschaft, die nicht gelernt hat, nach der 4r-Regel zu leben: reduce (reduzieren), reuse (wieder verwenden), repair (reparieren) und recycle (recyceln).

 

Es ist nicht das Unmenschlichste, Müll-Recycler zu sein und von dem leben zu müssen, was andere wegwerfen, sondern es ist das Stigma, das diesen Arbeitern anhaftet, die oftmals als Bettler und Vagabunden verachtet werden.

 

Erst waren sie völlig unsichtbar. Niemand achtete auf sie oder beachtete sie.  Später, als man sich ihrer mehr und mehr bewusst wurde, stellten sie sich selbst als Arbeiter vor, die durch das tonnenweise Sammeln von Müll eine wichtige Funktion ausübten: die Städte sauber zu halten und die Straßen vor dem Überfluten zu bewahren. Schließlich begannen sie, sich in Kooperativen und Vereinen zusammen zu schließen und sich als Bürger und Aktivisten sozialer und ökologischer Transformation zu sehen. Sie gewannen an Sichtbarkeit und an Anerkennung. Vom 4.-6. Juni 2001 führten sie in Brasilia den 1. Nationalkongress von Recyclern und Recyclerinnen durch, an dem 1600 Personen teilnahmen. Von dort wurde der Brief von Brasilia gestartet, in dem sie ihre Identität begründeten und wichtige Rechte durchsetzten.

 

Es fand dann 2006 in Brasilia ein nennenswerter Marsch von 1200 Personen statt, die den Platz der Drei Gewalten besetzten, um nach Rechten und öffentlicher Anerkennung für ihre Arbeit zu verlangen. Diese wurden 2009 mit dem Cataforte Program erreicht, das am 31. Juli 2013 um 200 Millionen Reais aufgestockt wurde, um mit großen Lagerräumen und Lastwagen das Sammeln der Wertstoffe zu unterstützen. Diese Maßnahmen sowie Druck auf staatliche Einrichtungen sind  zu einem großen Teil dem persönlichen Interesse des Ministers des Generalsekretärs der Präsidentin, Gilberto Carvalho, zu verdanken, der sich schon immer für die Recycler einsetzte. Am 30. Oktober 2013, anlässlich des 12. Müll- und Bürgerfestivals in Brasilia, erneuerte er in seinem Namen und im Namen der Präsidentin Dilma Roussef die Zusage, die jetzigen und zukünftigen Kooperativen und Vereinigungen der Recycler zu stärken.

 

Von großer Bedeutung war das 4. Festival, das vom 5.-9. September 2005 in Anwesenheit von Präsident Lula und Danielle Mitterand, der Witwe des verstorbenen französischen Präsidenten, stattfand. Unterstrichen wurde dort die Wichtigkeit der Grundrechte der Recycler und dass sie die notwendigen Mittel bekommen, um in würdiger Weise und in ausreichender Sicherheit den Müll sammeln und sortieren zu können. Das Itaipu Binacional versorgte sie mit einem elektrischen Fahrzeug, das bis zu drei Tonnen Material bis zu 8 Stunden am Tag transportieren kann.

Der große Kampf dieser Arbeiter besteht darin, zu verhindern, dass sich die großen Unternehmen, die das Müllsammeln als ein hoch rentables Geschäft entdeckt haben, sich mit den Vertretern der Staatsmacht zusammenschließen, um sich die Dienste der Recycler anzueignen und ihnen damit ihre Lebensgrundlage zu entziehen und sie so wieder der Unsicherheit preisgeben. Diese Unternehmen könnten sich nur legitimieren, wenn sie die Recycler einbinden, ohne ihnen ihren Wert zu nehmen, der sie als Solidargemeinschaft auszeichnet, als ein dauerhaftes Band, das sie im Lauf der Zeit entwickelten.

 

Ja, sie kommen aus der großen brasilianischen Bedrängnis. Sie recyceln nicht nur Wertstoffe, sondern Menschen, und zwar dergestalt, dass sie gemeinsam ihre Selbständigkeit errichten, ihre Würde zurückgewinnen und sich als „wahre Umweltpropheten“ in der Gesellschaft integrieren und als Bürger, die über ihre Probleme nachdenken und diskutieren, über ihre gemeinsamen Kämpfe entscheiden und sich unentbehrlich machen innerhalb der Art von Gesellschaft, die wir errichtet haben. Sie verdienen Respekt, Anerkennung und unsere volle Unterstützung.

 

 Übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

 

 

 

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