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Die längste Reise führt ins eigene Herz

11/12/2013

 

Der große Kenner der Feinheiten der menschlichen Psyche, C. G. Jung, beobachtete: Die Reise ins eigene Innere, zum Herzen, ist möglicherweise gefährlicher als die weite Reise zum Mond.  Im Inneren des Menschen finden sich Engel und Dämonen, sowohl Neigungen, die zum Irrsinn und zum Tod führen können, als auch Energien, die uns zur Extase und zum Gemeinschaftsgefühl mit allen bringen können. 

 

Unter den Forschern über die Conditio Humanae besteht eine bisher unbeantwortete Frage: Was ist die Grundstruktur des menschlichen Wesens? Darüber gibt es zahlreiche verschiedene Schulen, doch hier ist nicht der Ort, sie aufzuzählen.

 

Um direkt auf den Punkt zu kommen, sage ich gleich, es handelt sich nicht um die Vernunft, wie  so oft behauptet wird. Diese zeigt sich nicht als erstes. Sie führt uns zu primitiveren Dimensionen unserer menschlichen Wirklichkeit, von denen sie sich nährt und die sich in all ihren Äußerungen manifestieren. Die reine Vernunft Kants ist eine Illusion. Die Vernunft ist stets in den Gefühlen verwurzelt, der Passion und den Eigeninteressen. Wissen ist immer auch zweckgebundene und affektive Gemeinschaft mit dem Objekt des Wissens.

 

Mehr noch als die Ideen und Visionen der Welt animieren und motivieren uns die Leidenschaften, die starken Gefühle, die emotionalen Erfahrungen. Wir stehen auf, gehen den Gefahren entgegen, begeben uns selbst in Lebensgefahr.

 

Die wichtigste scheint die sensible und emotive Intelligenz des Herzens zu sein. Ihre biologischen Grundlagen gehören zu den ältesten, die verbunden sind mit dem ersten Auftauchen des Lebens vor 3,8 Milliarden Jahren, als die ersten Bakterien auf der Szene der Evolution erschienen und begannen, sich chemisch mit ihrer Umgebung zu verbinden, um zu überleben. Dieser Prozess vertiefte sich ab dem Zeitpunkt, als das limbische Gehirn der Säugetiere entstand, das für die Achtsamkeit, Zärtlichkeit, Affektion und Liebe zu den Kindern zuständig ist und vor Millionen von Jahren inmitten dieser neuen Spezies von Tieren entwickelt wurde, zu der auch wir Menschen gehören. In ihr kamen wir zum Niveau eines Selbstbewusstseins und der Intelligenz, und wir sind alle mit dieser wesentlichen Tradition verbunden.

 

Der abendländische logozentrische Anthropozentrismus verdächtigte die Affektion, der Objektivität des Wissens im Wege zu stehen. Mit dem Rationalismus kam es zum Exzess, der in einigen Bereichen der Kultur zu einer Art Lobotomie führte, d. h. zu einer völligen Gleichgültigkeit dem menschlichen Leiden, den anderen Lebewesen und der Erde selbst gegenüber.  Angesichts der afrikanischen Immigranten auf Lampedusa kritisierte Papst Franziskus den Mangel an Sensibilität der globalisierten Welt, die nicht in der Lage ist, Mitgefühl zu empfinden und zu weinen.

 

Es lässt sich jedoch behaupten, dass mit der europäischen Romantik (mit Herder, Goethe u. a.) begonnen wurde, die sensible Intelligenz wiederherzustellen. Die Romantik ist mehr als eine literarische Schule, sie ist ein Gefühl der Welt, unseres Verhältnisses mit der Natur und der Integration der Menschen in der großen Lebenskette (Löwy und Sayre, Rebellion und Melancholie, Vozes, S. 28-50)

 

Heute stehen die Affektion, das Gefühl und das Mitgefühl (Pathos) im Mittelpunkt. Dies ist heutzutage ein Muss, denn mit der Vernunft (Logos) allein können wir den schweren Krisen, die das Leben, die Menschheit und die Erde bestehen müssen, nicht begegnen. Die intellektuelle Vernunft muss die emotive Intelligenz integrieren, ohne die wir keine ganzheitliche soziale Realität mit menschlichem Antlitz schaffen können. Man kann nicht ins Innere des Herzens vordringen, ohne über den Weg der Affektion und der Liebe zu gehen.

 

 Unter vielen anderen wichtigen Vorgaben lässt sich hingegen eine durch ihre Wichtigkeit und ihre große Tradition, derer sie sich erfreut, hervorheben: die Struktur des Verlangens, die die menschliche Psyche prägt. Beginnend bei Aristoteles, über den Heiligen Augustus, durch das Mittelalter mit dem Hl. Bonaventura (er nennt den Hl. Franziskus einen vir desideriorum, einen Mann des Verlangens), über Schleiermacher, Max Scheler in der modernen Zeit und kulminierend mit Sigmund Freud, Ernst Bloch und René Girard in den neueren Zeiten, alle bestätigen die Verankerung der Struktur des Verlangens im Mittelpunkt.

 

Das Verlangen ist kein beliebiger Antrieb. Es ist ein Motor, der dynamisiert und das ganze psychische Leben in Bewegung bringt. Es funktioniert wie ein Prinzip, das der Philosoph Ernst Bloch so treffend als das Prinzip Hoffnung bezeichnet hat. Von Natur aus ist das Verlangen grenzenlos und verleiht dem menschlichen Projekt Unbegrenztheit.

 

Das Verlangen kann eine dramatische Wendung erfahren, manchmal auch der Existenz Tragik verleihen. Lässt es sich jedoch befriedigen, verleiht es ein Glücksgefühl ohnegleichen. Andererseits jedoch führt es zur schweren Desillusionierung, wenn der Mensch eine begrenzte Realität für ein unbegrenztes Objekt des Verlangens hält. Dies kann eine geliebte Person sein, ein schon immer angestrebter Beruf, ein Besitz, eine Weltreise oder ein neues Marken-Handy. 

 

Schon nach kurzer Zeit scheinen diese angestrebten Ziele illusorisch, wodurch die innere Leere anwächst, so groß wird wie Gott. Wie kann man aus dieser Sackgasse entweichen, wenn man die Grenzenlosigkeit des Verlangens gleichsetzt mit der Endlichkeit aller Realität? Von einem Objekt zum anderen irren, ohne jemals zur Ruhe zu finden? Der Mensch muss sich ernsthaft fragen: Welches ist das wahre Objekt seines Verlangens? Ich wage zu behaupten: Es ist das SEIN, nicht nur irgendein Sein, das Ganze und nicht der Teil, die Grenzenlosigkeit und nicht die Endlichkeit. 

 

Viele behaupten, sich auf Pilgerschaft zu begeben bedeutet, die Erfahrung des unruhigen Herzens (cor inquietum) des Heiligen Augustinus zu machen, des unermüdlichen Mannes des Verlangens und des unermüdlichen Pilgers zum Unendlichen. In seiner Autobiographie „Bekenntnisse“ beschreibt er mit bewegenden Gefühlen:

 

Erst spät liebte ich dich, oh Schönheit, die du so alt und so neu bist, sehr spät liebte ich dich. Du berührtest mich und ich ließ mich für deinen Frieden anstecken. Unruhig ist mein Herz, bis es Ruhe findet in Dir (Buch X, Nr. 27).

 

Wir beschreiben hier den Parcours des Verlangens, der sein obskures, immer ersehntes Objekt sucht und findet, im Schlaf und im Wachen. Nur die Unendlichkeit kann dem unendlichen Verlangen des menschlichen Wesens antworten. Erst dann endet seine Reise zum Herzen und beginnt der Sabbat, der Ruhetag des Menschen und Gottes.

 

Siehe auch: Leonardo Boff,  Gott erfahren. Die Transparenz aller Dinge, Patmos 2004.

ubeersetzt von Bettina Gold-Hartnack

 

 

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