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Wie können die Schwarzen mitten im Leiden noch singen, lachen und tanzen?

29/12/2013

 

Tausende von Menschen in ganz Südafrika vermischten Tränen mit Tänzen, Feiern mit Klagen über den Tod Nelson Mandelas. Auf diese Weise drückt sich ihre Kultur des Übergangsritus’ vom Diesseits zum Jenseits, wo ihre Vorfahren, die Weisen und die Hüter des Volkes, deren Riten und ethische Normen sich befinden, aus. Nun ist auch Mandela dort, unsichtbar, doch ganz gegenwärtig und begleitet das Volk, zu dessen Befreiung er so viel beitrug.

 

Augenblicke wie diese erinnern uns an unsere höchsten menschlichen Ahnen. Wir haben alle unsere Wurzeln in Afrika, selbst wenn die meisten dies nicht wissen oder es ihnen gleichgültig ist. Doch es ist von entscheidender Wichtigkeit, dass wir uns unserer Wurzeln bewusst werden, die in der einen oder anderen Weise unseren genetischen und spirituellen Codex prägten.

 

An dieser Stelle möchte ich auf einen Text zurückgreifen, den ich vor langer Zeit unter dem Titel „Wir alle sind Afrikaner“ schrieb, und den ich der veränderten Weltsituation angepasst habe.

 

Gleich zu Beginn ist es wichtig, die afrikanische Tragödie anzuprangern: Afrika ist der am meisten vergessene und durch die Weltpolitik verwüstete Kontinent. Alles, was zählt, sind seine Ländereien. Diese werden von großen Weltkonzernen und von China gekauft, um riesige Getreidepflanzungen anzulegen, die die Ernährung sicherstellen sollen, nicht für Afrika, sondern für ihre eigenen Länder, oder um das Getreide in der Börsenspekulation zu verkaufen. Diese bekannten „Landkäufe“ machen insgesamt eine Fläche so groß wie die ganz Frankreichs aus. Afrika ist heute eine Art von Rückspiegel, wie in der Vergangenheit Menschen so unmenschlich und schrecklich sein konnten und heute noch sind. Die heutige Neo-Kolonialisierung ist perverser als die Kolonisierung der vergangenen Jahrhunderte.

 

Wir wollen diese Tragödie im Hinterkopf behalten, wenn wir uns nun auf das Erbe Afrikas konzentrieren, das sich in unserem Inneren befindet. Die Paläontologen und Anthropologen sind sich heute darüber einig, dass das Abenteuer der Hominisation in Afrika vor etwa 7 Millionen Jahren begann. Sie beschleunigte sich dann, durchlief die Etappen des Homo Habilis, Erectus, des Neandertalers etc. bis sie beim Homo Sapiens vor ca. 90.000 Jahren ankam. Nachdem der Homo Sapiens sich vor 4,4 Millionen Jahren auf afrikanischem Boden befand, zog er vor etwa 60.000 Jahren nach Asien; dann vor 40.000 Jahren nach Europa, und vor 30.000 Jahren schließlich auf den amerikanischen Kontinent. Somit lässt sich sagen, dass sich das menschliche Leben zum Großteil in Afrika abspielte, was man inzwischen gern vergisst und missachtet.

 

Afrika ist nicht nur unser geographischer Ursprung: es ist der primitive Archetypus, die Gesamtheit der Eindrücke, die sich auf der Seele des Menschen einprägten. Es war in Afrika, wo der Mensch seine ersten Eindrücke sammelte, wo seine wachsenden Synapsen entstanden (Zerebralisierung), die ersten Gedanken erschienen, Kreativität auftauchte sowie die soziale Komplexität, die die Entwicklung von Sprache und Kultur ermöglichte. Der Geist Afrikas ist in uns allen präsent.

 

Am Geist Afrikas kann ich drei Hauptachsen ausmachen, die uns helfen können, die systemische Weltkrise zu überwinden, in der wir uns zurzeit befinden.

 

Die erste ist Mutter Erde, Mutter Afrika. Als sich unsere Vorfahren über die Weiten Afrikas verteilten, schlossen sie eine tiefe Gemeinschaft mit der Erde, fühlten die Verbindung, die alle Dinge miteinander haben: das Wasser, die Berge, die Tiere, die Wälder und Urwälder; und die kosmischen Energien. Um Gaia, unsere Mutter und unser Gemeinsames Haus zu retten, müssen wir diesen Geist der Erde wieder erlangen.

 

Die zweite Achse besteht in der Beziehungsmatrix, wie Anthropologen es nennen. Die Afrikaner bezeichnen dies mit dem Begriff ubuntu, der bedeutet: „Ich bin wer ich bin, denn ich bin Teil der Gemeinschaft“ oder „Ich bin deinetwegen wer ich bin, und du bist meinetwegen, wer du bist“. Wir alle brauchen einander, wir sind voneinander abhängig. Was uns die Quantenphysik und die neue Kosmologie über die Interdependenz aller mit allen lehren, ist im Geist Afrikas offensichtlich.

 

Zu dieser Gemeinschaft gehören ebenfalls die Toten, wie Mandela. Die Toten „gehen“ nicht in den Himmel, denn der Himmel ist kein geographischer Ort, sondern eine Seinsform in dieser unserer Welt. Die Toten bleiben mitten im Volk als Ratgeber und Wächter der heiligen Traditionen.

 

Auf der dritten Achse finden wir die Riten und Feste. Wir bewunderten die Tatsache, dass man einen ganzen Tag lang mit Messen und Gebeten Mandelas gedachte. Afrikaner fühlen Gott in ihrer Haut, Abendländer in ihren Köpfen. Deshalb tanzen Afrikaner und bewegen ihren ganzen Körper, während wir im Westen so kalt und steif bleiben wie ein Besenstiel.

 

Die wichtigen Erfahrungen des persönlichen, sozialen und jahreszeitabhängigen Lebens werden mit Riten begangen, mit Tänzen, Musik und Vorführung von Masken. Die Masken repräsentieren Energien, die sich sowohl gutartig als auch bösartig auswirken können. Gerade in diesen Riten werden die negativen und positiven Kräfte ausbalanciert und wird der Vorrang des gesunden Menschenverstandes über das Absurde gefeiert. Wenn wir diesen Geist Afrikas wieder in uns verkörpern, muss die Krise nicht zu einer Tragödie werden.

 

Es ist bekannt, dass durch Feiern und Riten die Gesellschaft ihre Verbindungen wiederherstellt und die soziale Kohäsion verstärkt wird. Arbeit und Kampf sind jedoch nicht alles. Es gibt auch die Feier des Lebens, die Erhaltung der kollektiven Erinnerungen und das Gedenken der Siege über die überstandenen Gefahren.

 

Ich freue mich, hier das persönliche Gedenken von Washington Novaes wiederzugeben, eines unserer brillantesten Journalisten: „Vor einigen Jahren“, so schreibt Novaes, „beeindruckte mich in Südafrika, dass drei, vier Schwarze so leicht zusammenkommen und breit lächelnd singen und tanzen. Eines Tages sprach ich mit einem Taxifahrer darüber: Dein Volk hat so viel gelitten und leidet noch immer. Dennoch reicht es, dass ein paar Leute zusammenkommen, und sie haben Grund zu tanzen, zu singen und zu lachen. Woher kommt diese Energie? Und er antwortete: Durch das Leiden lernen wir, dass Fröhlichkeit nicht von dem abhängt, was außerhalb unserer selbst liegt. Es liegt ganz allein an uns, in uns.“

 

Der Anteil unserer Bevölkerung, der afrikastämmig ist, zeigt uns auch diese Art der Freude, die weder Kapitalismus noch Konsum uns bereiten können.

 

 

übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

 

4 Comentários leave one →
  1. Alex Ferreira permalink
    29/12/2013 23:22

    Pra quem é isto?

    • 31/12/2013 14:25

      Alex
      Há muitos na Alemanha que entram no meu blog e se alegram encontrar meus textos na lingua deles, pois há um grupo que por sua conta traduz e divulga. E eu coloco no blog. Para quem? para quem entender alemão, especialmente alemães.
      lboff

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