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Mitten im weltweiten Unbehagen ein Grund zur Freude

31/12/2013

Mitten im unleugbar vorhandenen weltweiten Unbehagen tauchte dieses Jahr in überraschender Weise eine Person auf, die uns die Hoffnung, Freude und den Sinn für das Schöne zurückgab: Papst Franziskus. Sein erstes Apostolisches Schreiben trägt den Titel „Evangelii Gaudium“ (Freude des Evangeliums). Es ist ein Text, der von der Freude durchzogen ist, den Kategorien der Begegnung, der Nähe, der Barmherzigkeit, der zentralen Stellung der Armen, der Schönheit, der „Revolution der Zärtlichkeit“ und des „Mysteriums des gemeinsamen Lebens“.

Diese Botschaft setzt einen Kontrapunkt zur Desillusion und zum gescheiterten Versprechen des Projekts der Moderne, Wohlstand und Glück für alle zu bringen. In Wirklichkeit gefährdet diese die Zukunft der Spezies durch ihren verheerenden Angriff auf die seltenen Güter und Dienstleistungen von Mutter Erde. Papst Franziskus bringt dies gut zum Ausdruck: „Es ist der technologischen Gesellschaft gelungen, die Vergnügungsangebote zu vervielfachen, doch es fällt ihr sehr schwer, Freude zu erzeugen.“ (5. Kapitel I.7). Das Vergnügen gehört den Sinnen an, die Freude dem Herzen. Und unser Lebensstil ist herzlos.

Es geht nicht um die Freude der fröhlichen Dummen, die froh sind, ohne den Grund dafür zu kennen. Die wahre Freude erwächst aus der Begegnung mit einer konkreten Person, die in uns Enthusiasmus hervorruft, uns erhebt und einfach fasziniert. So war die Person des Jesus von Nazareth. Ich meine nicht den von Prunk und Glorie beladenen Christus, welche die frühere Theologie ihm andichtete. Es war der Jesus des Volkes, der Einfache und Arme, der auf den staubigen Wegen Palästinas wandelte und dessen Worte Frische und Faszination brachten. Papst Franziskus gibt Zeugnis von der Begegnung mit dieser Person. Diese war so mitreißend, dass sie sein Leben veränderte und für ihn zu einer unerschöpflichen Quelle der Freude und der Schönheit wurde. Evangelisieren bedeutet für ihn, diese Erfahrung zu wiederholen, und die Mission der Kirche besteht für ihn darin, die Frische und die Faszination durch die Person Jesu wiederherzustellen. Er vermeidet den offiziellen Ausdruck der „neuen Evangelisierung“. Vielmehr bevorzugt er eine „pastorale Bekehrung“, die aus Freude, Schönheit, Faszination, Nähe, Begegnung, Zärtlichkeit, Liebe und Barmherzigkeit besteht.

Das ist, was ihn von seinen Vorgängern der vergangenen Jahrhunderte unterscheidet. Diese präsentierten das Christentum als Doktrin, Dogma und als moralische Norm. Dem musste man uneingeschränkt und ohne die geringste Spur eines Zweifels anhängen, erfreuten sich die Päpste doch der Unfehlbarkeit.

Papst Franziskus sieht das Christentum unter einer anderen Perspektive. Nicht als eine Doktrin, sondern als eine persönliche Begegnung mit einer Person, mit ihrer Sache, dem, wofür sie kämpft, mit ihrer Fähigkeit, den Schwierigkeiten zu begegnen, ohne vor diesen zu fliehen. Ganz besonders gefallen ihm die Worte aus dem Hebräerbrief, wo es heißt, dass Jesus „in allem wie wir in Versuchung geführt worden ist … der Schwachheit unterworfen ist … mit lautem Schreien und unter Tränen Gebete und Bitten vorgebracht hat. Von dem, der aus dem Tode (bzw. aus Todesfurcht) zu erretten vermag, ist der Versuchte erhört worden, und zwar wegen seiner Gottesfurcht, infolge seines Gehorsams.“ wie es die berühmten Bibelforscher A. Harnack und R. Bultmann in ihrer Version wiedergaben, während es in der Epistel heißt: „und er ist erhört und aus seiner Angst befreit worden“ (das griechische εύλάβεια kann sowohl Angst und Todesfurcht als auch Gottesfurcht bedeuten) „und er hat durch Leiden den Gehorsam gelernt“ (Hebr 4,15; 5,2.7-8).

In der traditionellen Evangelisierung lief alles über die intellektuelle Intelligenz (intellectus fidei), die sich im Credo und im Katechismus ausdrückt. Im Päpstlichen Schreiben 5. Kap. II.11 sagt Papst Franziskus: „Jesus Christus kann auch die langweiligen Schablonen durchbrechen, in denen wir uns anmaßen, ihn gefangen zu halten, und er überrascht uns mit seiner beständigen göttlichen Kreativität.“ Nach seiner Version geschieht Evangelisierung durch die Intelligenz des Herzens (intellectus cordis), denn dort haben die Liebe, die Barmherzigkeit, die Zärtlichkeit und die Frische der Person Jesu ihren Sitz. Sie drückt sich durch die Nähe aus, durch die Begegnung, den Dialog und die Liebe. Dies ist ein Christentum, dessen Haus für alle geöffnet ist, „ohne Hüter der Glaubenslehre“, keine einschüchternde, abgeriegelte Festung.

Es ist genau ein solches Christentum, dessen wir bedürfen, eines, das in der Lage ist, Freude zu bringen, denn alles, was wirklich aus einer tiefen und wahren Begegnung herrührt, ruft eine Freude hervor, die uns niemand nehmen kann. Dies ist wie die Freude der Südafrikaner bei der Beisetzung Nelson Mandelas: sie entsteht tief im Herzen und bewegt den ganzen Körper.

In unserer mediatisierten und vom Internet geprägten Kultur fehlt uns dieser Ort der Begegnung, wo man einander in die Augen sehen kann, einander leibhaftig begegnet. Um dies zu erreichen, müssen wir „hinausgehen“, wozu der Papst immer wieder aufruft. Ein „Hinausgehen“ aus uns selbst hin zum anderen, „hinausgehen“ zu den Rändern der Existenz (wo Menschen einsam und verlassen sind), „hinausgehen“ in die Welt der Armen. Dieses „Hinausgehen“ ist ein wahrer „Exodus“, der den Israelis, vom Joch des Pharaos befreit, die Freude brachte.

Am besten passt hier das Zeugnis von F. Dostojewski, nachdem er aus dem toten Hause in Sibirien „hinausgegangen“ war: „Manchmal schickt Gott mir Momente des Friedens. In solchen Momenten liebe ich und fühle ich mich geliebt; in einem dieser Momente habe ich mein eigenes Credo geschrieben, in dem alles hell und heilig ist. Dieses Credo ist sehr einfach. Es lautet: Ich glaube, nichts ist schöner, tiefer, sympathischer, humaner, perfekter als Christus. Und ich sage zu mir selbst mit eifersüchtiger Liebe, dass es das nicht gibt und nicht geben kann. Und mehr noch: Würde mir jemand beweisen, dass Christus nicht in der Wahrheit wäre und dass diese sich nicht in ihm befände, so bliebe ich lieber bei Christus als in der Wahrheit.“

Papst Franziskus machte sich die Worte Dostojewskis zu eigen. Nicht eine abstrakte Wahrheit kann das Leben füllen, sondern eine lebendige Begegnung mit einer Person, mit Jesus von Nazareth. Von ihm ausgehend wird die Wahrheit zu einer Wahrheit. Wenn das Jahr 2014 uns etwas von dieser Begegnung bringt (ganz gleich, ob wir es Christus nennen, die Tiefe, das Mysterium in uns oder das Heilige in jedem Lebewesen), dann sind wir zur Quelle einer Freude vorgestoßen, die unendlich viel besser ist als jedes Vergnügen, das die Konsumwelt uns verspricht.

übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

 

 

 

 

 

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