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Revolution heißt heutzutage, die Notbremse zu ziehen

22/01/2014

Folgende treffende Aussage wird Karl Marx zugeschrieben: „Nur die Revolutionen, die gemacht werden, werden gemacht.“ Das heißt, die Revolution stellt keine subjektive und freiwillige Aktion dar, sonst würde sie sofort durch Unreife und mangelnde Konsistenz vereitelt. Eine Revolution findet dann statt, wenn die Zeit reif ist, d. h. die Lebensbedingungen und der objektive Wunsch in der Bevölkerung danach verlangen. Dann bricht sie aus und trägt in sich die Möglichkeit – nicht die Sicherheit – zu siegen und konsolidiert zu werden.

 

Zurzeit wären alle objektiven Bedingungen für eine Revolution erfüllt. Den Begriff „Revolution“ verstehen wir hier im klassischen Sinn als die Veränderung der allgemeinen Ziele einer Gesellschaft, welche die geeigneten Mittel verwendet, um diese zu erreichen. Dies schließt die Veränderung der sozialen, juristischen, ökonomischen und spirituellen Strukturen dieser Gesellschaft mit ein.

 

Die allgemeine Verschlechterung in fast allen Bereichen, insbesondere in der lebenserhaltenden natürlichen Infrastruktur, ist so tiefgreifend, dass es hier deshalb einer radikalen Revolution bedarf. Andernfalls kommt alle Hilfe zu spät, und wir werden nur noch zu Zeugen einer ökologisch-sozialen Katastrophe eines in der menschlichen Geschichte noch nie dagewesenen Ausmaßes.

 

Den „Machthabern“ fehlt es allerdings noch am kollektiven Bewusstsein dieser Dringlichkeit. Sie möchten es nicht einmal besitzen. Sie ziehen es vor, an ihrer Macht festzuhalten, selbst auf die Gefahr hin, bei einem eventuellen Armageddon zu unterliegen. Die Titanic sinkt, doch die Profitgier der Machthaber ist so groß, dass diese sich weiterhin dem Kauf und Verkauf von Schmuckstücken hingeben, als ob nichts geschähe.

 

In Brasilien ist es weithin gängig, dass die „Revolutionen“ von den Mächtigen durchgeführt werden, um den Unterdrückten zuvorzukommen. Sie sagen sich: „Wir machen die Revolution, bevor das Volk sie macht.“ Natürlich handelt es sich hierbei nicht um eine Revolution, sondern um einen Staatsstreich einer Gesellschaftsklasse, die, wie im Fall der „Revolution von 1964“ das Militär zu ihren Zwecken benutzt. Die Sieger haben ihre eigenen Altardiener, die ihnen Loblieder vorsingen, Denkmäler errichten und Straßen, Brücken und Plätze nach den Putschisten benennen, wie es heute noch in Brasilien zu sehen ist.

 

Geschichte wird selten von den Besiegten geschrieben. Die Erinnerung an sie verlischt. Doch manchmal taucht die Erinnerung wie eine gefährliche Anklage wieder auf. Dem mexikanischen Historiker Miguel León-Portilla kam die Ehre zu, die Kehrseite der Eroberung Lateinamerikas durch die Iberer darzustellen. In dieser Darstellung lässt er die dramatischen und erschütternden Zeugenaussagen der Opfer aus den Völkern der Azteken, der Mayas und der Inkas zu Wort kommen. Auf Portugiesisch wurde sein Werk übersetzt als „Die Eroberung Lateinamerikas aus der Sicht der Indios“ (Vozes 1987). Im Falle der Einnahme von Tlatelolco (in der Nähe von Tenochtitlán in Nachbarschaft des aktuellen Mexiko-Stadt) gibt es nur eine einzige indigene Zeugenaussage. Dies ist wirklich zum Weinen:

 

„Auf den Wegen liegen zerbrochene Pfeile, zerstreute Haare, Häuser sind ohne Dach, die Mauern stehen in Flammen, auf den Straßen und Plätzen wimmelt es von Würmern, die Mauern sind befleckt von zertrümmerten Schädeln, das Wasser ist blutrot, als wäre es gefärbt. Wir aßen salpetrige Kräuter, Brocken von Lehmziegeln, Eidechsen, Mäuse, Erde und auch Würmer“ (Miguel León-Portilla, S. 41).

 

Angesichts solcher Tragödien stellen sich uns Fragen, auf die es noch nie eine zufriedenstellende Antwort gab: Hat die Geschichte einen Sinn? Und für wen? Es gibt alle Arten von Interpretationen, von den Pessimisten, die in der Geschichte nur eine Abfolge von Kriegen, Morden und Massakern sehen, bis zu den Optimisten wie den Aufklärern, für die die Geschichte ein sich endlos entwickelnder Fortschritt hin zu immer zivilisierteren Gesellschaften.

 

Die beiden Weltkriege von 1914 und 1939 sowie diejenigen, die darauf folgten und über 200 Millionen Menschen das Leben kostete, haben diesen Optimismus zerstört. Heute kann uns niemand mehr sagen, in welche Richtung wir uns bewegen. Selbst die Heiligen und Weisen Dalai Lama und Papst Franziskus nicht. Die Ereignisse überstürzen sich mit all ihrer Zweideutigkeit, ermutigend die einen, erschreckend die anderen.

 

Ich schließe mich der jüdisch-christlichen Tradition an, die besagt: „Die Geschichte kann nur von zwei Prinzipien aus gedacht werden: dem der Negation des Negativen und dem der Erfüllung der Verheißungen.“ Die Negation des Negativen heißt, dass der Kriminelle nicht über sein Opfer triumphiert. Dem Gewicht des Negativen der Geschichte kommt der endgültige Sinn nicht zu. Im Gegenteil. Der Schöpfer „wird alle Tränen von ihren Augen abwischen: Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal. Denn was früher war, ist vergangen“ (Offb 21,4).

 

Das Prinzip der Erfüllung der Verheißungen ist tröstlich: „Seht, ich mache alles neu“. Es wird „einen neuen Himmel und eine neue Erde“ geben; „Gott wird in ihrer Mitte wohnen, und sie werden sein Volk sein; und er, Gott, wird bei ihnen sein“ (Offb 21,5; 1 + 3). Es ist die unsterbliche Hoffnung der biblischen Tradition, die niemals vergeht, selbst nicht, als die Juden in die Gaskammern der Nazis geschleppt wurden.

 

Was unsere heutige Situation betrifft, so beziehe ich mich auf einen Satz von Walter Benjamin, der von seinem Kenner, Michael Löwy, so zitiert wird: „Marx sagte, die Revolutionen seien die Lokomotive der Weltgeschichte. Doch vielleicht stellen sich die Dinge völlig anders dar. Es ist möglich, dass die Revolutionen für die Menschheit, die wie in einem Zug unterwegs ist, darin bestehen, die Notbremse zu ziehen“ (Michael Löwy: „Walter Benjamin: Avviso di incendio“, Boitempo, 2005, S. 93-94.) Unsere Zeit ist gekommen, die Bremse zu ziehen, bevor der Zug am Ende der Strecke zerschellt.

 

Siehe auch: Leonardo Boff: Achtsamkeit: Von der Notwendigkeit, unsere Haltung zu ändern, Claudius, 2013

Übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

 

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