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Wir befinden uns im Blindflug: aber wohin?

24/01/2014

Wer meine vorigen Artikel „Das finstere Reich der Großkonzerne“ und „Eine Herrschaft von der schlimmsten Sorte: die der Geschäftsleute“ gelesen hat, schlussfolgerte sicher, dass die Passagiere im Raumschiff Erde unter völlig unterschiedlichen Bedingungen reisen. Eine kleine Gruppe der Superreichen sitzt in der Ersten Klasse und genießt dort skandalösen Luxus; andere Glückliche reisen in der Economyclasse und bekommen vernünftige Speisen und Getränke serviert. Der Rest der Menschheit, und das sind noch Millionen, ist in den Gepäckraum gepfercht, wo die Temperatur nur wenig über null Grad liegt, und stirbt fast vor Hunger, Durst und Verzweiflung. Sie hämmern an die Wände gegen diejenigen, die über ihnen sitzen, und schreien „Entweder wir teilen, was es in diesem einzigen Raumschiff gibt, oder irgendwann werden die Ressourcen aufgebracht sein, und unabhängig von der sozialen Zugehörigkeit werden wir alle sterben.“ Doch wer will auf sie hören? Die Bequemen schlafen ungestört nach ihrem reichhaltigen Bankett.

 

Dies ist eine Metapher für die reale Situation der Menschheit. Wir haben uns wahrhaftig verirrt und befinden uns im Blindflug. Wie aber konnten wir in diese bedrohliche Lage geraten?

 

Wir experimentierten mit zwei unterschiedlichen Produktions- und Konsumweisen von Naturgütern, um den Bedürfnissen der Menschen nachzukommen: Sozialismus und Kapitalismus. Beide sind gescheitert. Wir brauchen nicht detailliert zu beschreiben, was geschah. In der Praxis bestand der Sozialismus in einer zentralen, staatlichen Planwirtschaft. Er erreichte ein vernünftiges Niveau an Chancengleichheit in den Bereichen Bildung, Gesundheit und Wohnen, war jedoch aufgrund von internen und externen Gründen, vor allem wegen seiner diktatorischen Züge, nicht in der Lage, seine Widersprüche aufzulösen, und kollabierte.

 

Das neoliberale, kapitalistische System des freien Marktes mit unzureichender staatlicher Kontrolle versagte ebenfalls aufgrund seiner internen Logik des grenzenlosen Anhäufens von materiellen Gütern und aus anderen Gründen. Er schuf zwei schwerwiegende Fälle von Ungerechtigkeit: soziale Ungerechtigkeit, in der die 20 % der Reichsten über 82,4 % der Erde verfügen und die 20 % der Ärmsten mit nur 1,6 % auskommen müssen. Ebenso entstand eine ökologische Ungerechtigkeit, die ganze Ökosysteme zerstörte und die Artenvielfalt um 70-100 Spezies pro Jahr verringerte. Dieses System brach 2008 zusammen, mitten im Herzen der einflussreichsten Länder.

 

Der chinesische Kommunismus ist ein Spezialfall: auf pragmatische Weise verbindet er alle Produktionsweisen,  macht Gebrauch von körperlicher Arbeit durch Mensch und Tier bis hin zur ausgefeiltesten Technologie, verbindet Staats-, Privat- oder Mischeigentum, sodass das Endresultat zwar in einer besseren Produktion besteht, allerdings mit nur wenig Sinn für soziale oder ökologische Gerechtigkeit.

 

Es ist jedoch wichtig, sich der wachsenden Gewissheit darüber bewusst zu werden, dass das System Erde, deren Naturgüter begrenzt sind und die klein und überbevölkert ist, grenzenloses Wachstum nicht länger ertragen kann. Die Erde hat die notwendigen Bedingungen zur Wiederherstellung dessen, was wir von ihr nehmen, verloren, d. h. sie verliert mehr und mehr an Nachhaltigkeit und reagiert immer heftiger: mit plötzlichem Klimawechsel, Orkanen, Tsunamis, Tauwetter, erschreckenden Entvölkerungen, Erosion der Artenvielfalt und einer ansteigenden Erderwärmung. Wann wird dieser Prozess zum Stoppen gebracht? Läuft er weiter, wohin führt er uns?

 

Es ist höchste Zeit, einen Kurswechsel vorzunehmen, d. h. neue Prinzipien und Werte anzuerkennen, mit denen wir unser Verhältnis zur Natur und unserem Gemeinsamen Haus auf freundschaftlicher Basis zu organisieren. Das gewiss am stärksten inspirierende Dokument darüber ist die Erd-Charta, die aus einer 8 Jahre dauernden weltweiten Beratung resultierte, angeregt von Michail Gorbatschow und im Jahr 2003 von der UNESCO anerkannt. Die Charta berücksichtigt die sichersten Daten der neuen Kosmologie, die die Erde als ein Moment in einem riesigen, sich in Evolution befindlichen Universum sieht, als ein lebendiges Wesen und ausgestattet mit einer komplexen Lebensgemeinschaft. Alle Lebewesen sind Träger desselben grundlegenden genetischen Codes, d. h. wir sind alle miteinander verwandt.

 

Die Erd-Charta strukturiert sich um vier grundlegende Prinzipien: 1. Achtung vor dem Leben, 2. Ökologische Ganzheit, 3. Soziale Gerechtigkeit, 4. Demokratie, Gewaltlosigkeit und Frieden. Die Erklärung warnt uns ernsthaft: „Entweder bilden wir eine globale Partnerschaft, um für die Erde und füreinander zu sorgen, oder wir riskieren, uns selbst und die Vielfalt des Lebens zugrunde zu richten.“ (Präambel)

 

Die abschließenden Worte der Charta sind aufrüttelnd: „Wie nie zuvor in der Geschichte der Menschheit fordert uns unser gemeinsames Schicksal dazu auf, einen neuen Anfang zu wagen … Das erfordert einen Wandel in unserem Bewusstsein und in unseren Herzen. Es geht darum, weltweite gegenseitige Abhängigkeit und universale Verantwortung neu zu begreifen. Wir müssen die Vision eines nachhaltigen Lebensstils mit viel Fantasie entwickeln und anwenden, und zwar auf lokaler, nationaler, regionaler und globaler Ebene.“ (aus dem Abschluss: „Der Weg, der vor uns liegt“)

 

Es ist bemerkenswert, dass hier nicht die Rede von Reformen ist, sondern von einem Neuanfang. Es geht darum, die Menschheit neu zu erfinden. Um ein solches Ziel zu erreichen bedarf es einer neuen Sichtweise auf die Erde (Geist) als eine lebendige Einheit, Gaia, und eines neuen Verhältnisses, das geprägt ist von Achtsamkeit und Liebe (Herz), indem die universelle Logik der gegenseitigen Abhängigkeit aller mit allen und der gemeinsamen Verantwortung für unser aller Zukunft.

 

Wenn wir diesen Weg einschlagen, wird er uns die Richtung weisen, sodass das Raumschiff Erde heil in einer anders gestalteten Welt landet.

übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

 

 

 

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