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Die Zeit der Großen Transformation und der Allgemeinen Korruption

05/02/2014

 

 

 

In der Regel stützt sich die Gesellschaft auf folgende drei Pfeiler: die Ökonomie, die die materielle Grundlage sichert, damit die Menschen ein gutes und angemessenes Leben führen können; die Politik, welche die Macht aufteilt und die Institutionen, die soziales Zusammenleben ermöglichen, organisiert; die Ethik, die die Werte und Normen aufstellt, die menschliches Verhalten bestimmen, damit Frieden und Gerechtigkeit, Konfliktlösung und Gewaltvermeidung möglich werden. Die Ethik hat im allgemeinen einen spirituellen Anstrich, der den Sinn des Lebens und des Universums reflektiert, die ständigen Fragen auf der menschlichen Agenda.

 

Diese Aspekte sind in einer funktionellen Gesellschaft miteinander verwoben, doch stets in dieser Rangfolge: die Ökonomie unterwirft sich den Regeln der Politik, und die Politik ist der Ethik untergeordnet.

 

Doch mit dem Beginn der industriellen Revolution im 19. Jh., genau genommen seit 1834 in England, begann die Ökonomie sich von der Politik zu lösen und die Ethik zu begraben. Es entstand eine Marktwirtschaft, die frei von jeglicher Kontrolle und von ethischen Limits war, und die das ganze Wirtschaftssystem bestimmte und kontrollierte.

 

Das Kennzeichen dieses Systems ist nicht Kooperation, sondern Wettbewerb, der sich über die Ökonomie hinaus erstreckt und alle menschlichen Beziehungen beeinflusst. Dadurch entstand, wie Karl Polanyi es nennt, „ein neues, völlig materialistisches Credo, das davon überzeugt ist, dass sich alle Probleme durch eine unbegrenzte Anzahl von materiellen Gütern lösen lassen“ (The Great Transformation: Politische und ökonomische Ursprünge von Gesellschaften und Wirtschaftssystemen, Suhrkamp Verlag). An diesem Credo wird immer noch mit religiösem Eifer von den meisten Ökonomen des vorherrschenden Systems und von der Politik im allgemeinen festgehalten

 

Von diesem Zeitpunkt an fungierte die Wirtschaft als einzige Achse aller sozialen Beziehungen. Alles wurde von da an an der Ökonomie gemessen, genau genommen am Bruttosozialprodukt (BSP). Diesen Prozess studierte eingehend der Philosoph und Wirtschaftshistoriker Karl Polanyi (1866-1964), der von ungarischer und jüdischer Abstammung war und später zum christlichen Calvinismus konvertierte. Er wurde in Wien geboren, arbeitete in England und pendelte später, unter dem Druck der McCarthy-Ära, zwischen Toronto (Kanada) und der Columbia Universität in den USA. Er zeigte, dass „nicht die Ökonomie in die sozialen Beziehungen eingefügt wurde, sondern sich die sozialen Beziehungen in die Ökonomie einfügen müssen“ (S. 77). Dann kam das auf, was er als „die große Transformation“ bezeichnete: die Entwicklung von einer Marktwirtschaft zu einer Marktgesellschaft.

 

Daraus resultierte ein bisher nie gekanntes neues Sozialsystem. Hier gibt es keine Gesellschaft, sondern nur Individuen, die miteinander konkurrieren, worauf Ronald Reagan und Margaret Thatcher beständig Wert legten. Alles änderte sich, denn in der Tat wurde alles zur Handelsware. Alle Güter werden zu Markt getragen, um zum Profit des Einzelnen verkauft zu werden: natürliche und hergestellte Produkte, unantastbare Dinge, die in direktem Zusammenhang zum Leben stehen, wie Trinkwasser, Samen, Erde und menschliche Organe. Polanyi betont immer wieder, dass dies der „menschlichen und natürlichen Beschaffenheit der Gesellschaft widerspricht“. Doch genau dies hat sich durchgesetzt, vor allem in der Nachkriegszeit. Nach Polanyi ist der Markt ein „nützliches Element, solange er einer demokratischen Gemeinschaft untergeordnet ist“. Dieser Denker hat seine Wurzeln in der „Wirtschaftsdemokratie“.

 

Das erinnert uns an die prophetischen Worte Karl Marx’, die er 1847 in „Das Elend der Philosophie“ schrieb: „Kam endlich eine Zeit, wo alles, was die Menschen bisher als unveräußerlich betrachtet hatten, Gegenstand des Austausches, des Schachers, veräußert wurde. Es ist dies die Zeit, wo selbst Dinge, die bis dahin mitgeteilt wurden, aber nie ausgetauscht, gegeben, aber nie verkauft, erworben, aber nie gekauft: Tugend, Liebe, Überzeugung, Wissen, Gewissen etc ., wo mit einem Wort alles Sache des Handels wurde. Es ist die Zeit der allgemeinen Korruption, der universellen Käuflichkeit oder, um die ökonomische Ausdrucksweise zu gebrauchen, die Zeit, in der jeder Gegenstand, ob physisch oder moralisch, als Handelswert auf den Markt gebracht wird, um auf seinen richtigsten Wert abgeschätzt zu werden.

 

Das ökologische Chaos der Erde macht uns die desaströsen sozio-ökologischen Folgen der Kommerzialisierung aller Güter bewusst. Wir müssen den Platz der Ökonomie im Leben der Menschen neu überdenken, vor allem in Bezug auf die Grenzen der Erde. Der höchst grausame Individualismus, die obsessive und grenzenlose Anhäufung von Gütern schwächen die Werte, ohne die eine Gesellschaft nicht als human bezeichnet werden kann: Kooperation, Achtsamkeit für den anderen, Liebe und Verehrung für Mutter Erde und ein offenes Ohr für das Bewusstsein, das uns vorantreibt in Richtung Wohlstand für alle.

 

Wenn eine Gesellschaft wie die unsere, abgestumpft durch ihren haarsträubenden Materialismus, nicht mehr in der Lage ist, den anderen als anderen wahrzunehmen, sondern in ihm nur noch einen potenziellen Produzenten oder Klienten sieht, schaufelt sie ihr eigenes Grab. Wie Noam Chomsky vor einigen Tagen (am 22.12.2013) sagte, dient uns Griechenland als Warnung: „Die reichsten und mächtigsten Gesellschaften, die sich unvergleichlicher Vorteile erfreuen, wie die Vereinigten Staaten und Kanada, sind es, die uns in den Abgrund stürzen. Dies ist die verrückte Logik der real existierenden ‘kapitalistischen Demokratie’.“

 

Nun müssen wir den Wahlspruch TINA (There is no alternative: Es gibt keine Alternative) anwenden: entweder wir ändern uns, oder wir werden untergehen, denn unsere materiellen Güter werden uns nicht retten. Dies ist der tödliche Preis, den wir dafür zu zahlen haben, dass wir unser Geschick in die Hände der Diktatur der Ökonomie gelegt haben, die zu einem „Erlöser-Gott“ für alle Probleme wurde.

 

 übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

 

 

 

5 Comentários leave one →
  1. diva de moraes permalink
    05/02/2014 11:31

    Favor traduzir para o portugus todos os textos de Leonardo Boff! Grata. Diva Falco

  2. Gerd Schnepel permalink
    06/02/2014 12:16

    ¿Existe una traducción al español? Por favor enviarme el enlace. Gracias. Gerd, Nicaragua

    gerdschnepel2043(at)yahoo.com

    • 06/02/2014 22:38

      Gerd
      Todos los articulos en portugues aparecen despues en español, alemanm, ingles e italiano. Tiene que buscarlo en este blog.
      buen provecho
      lboff

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