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Zärtlichkeit – das Lebenselixier der Liebe

27/02/2014

 

Die Wege, die das Herz eines Mannes mit dem Herzen einer Frau verbinden, sind rätselhaft. Ebenso rätselhaft sind die Wege zwischen den Herzen zweier Männer und genauso zwischen den Herzen zweier Frauen, die einander finden und sich gegenseitig ihre Liebe bekennen. Aus solchen Verbindungen entsteht Verliebtsein, Liebe und schließlich Ehe oder eine dauerhafte Beziehung. Da dies in Freiheit geschieht, sind die Paare unwägbaren Ereignissen ausgesetzt.

Unser Geschick ist nie ein für allemal festgelegt. Es steht in ständigem Dialog mit der Umgebung. Dieser Austausch lässt niemanden unberührt. Jeder ist ihm ausgesetzt. Gegenseitige Treue steht auf dem Prüfstand. In der Ehe folgt auf die Leidenschaft der Alltag mit seiner eintönigen Routine. In ihrem gemeinsamen Leben erfahren die beiden Trennungen, vulkanartige Ausbrüche der Begeisterung für eine andere Person. Nicht selten folgt auf die Ekstase die Enttäuschung. Es kommt zu Komplikationen, Vergebung, Erneuerung von Versprechen und Versöhnung. Doch die Wunden bleiben und hinterlassen auch nach ihrer Heilung noch Narben, die daran erinnern, was einst weh tat.

 

Liebe ist eine flackernde Flamme, die brennt, die aber auch schwinden und allmählich mit Asche bedeckt werden kann, bis sie schließlich erlischt. Es muss nicht einmal soweit kommen, dass die Menschen einander hassen. Vielmehr werden sie einander gleichgültig. Dies ist der Tod der Liebe. Im 11. Vers des spirituellen Liedes des Mystikers Johannes vom Kreuz, der Lieder über die Liebe zwischen der Seele und Gott dichtete, heißt es mit feiner Beobachtungsgabe: „Der Schmerz der Liebe verheilt nur durch Präsenz und Nähe“. Platonische, virtuelle Liebe oder Liebe auf Distanz reicht nicht aus. Liebe verlangt nach Präsenz und Nähe. Liebe braucht die konkrete Nähe, die aus mehr als nur der körperlichen Nähe besteht, sondern des Blicks von Aug in Aug bedarf sowie des Herzens, das den Herzschlag des anderen spürt.

 

Der mystische Poet drückt dies treffend aus: Liebe ist eine Krankheit, die nur durch das geheilt werden kann, was ich als essentielle Zärtlichkeit bezeichnen würde. Zärtlichkeit ist das Lebenselixier der Liebe. Wenn wir unsere Liebe schützen, bestärken und ihr Nachhaltigkeit verleihen wollen, müssen wir zärtlich mit unserem Partner/unserer Partnerin umgehen. Ohne den Balsam der Zärtlichkeit fehlt der heiligen Flamme der Liebe die Nahrung. Sie erlischt.

 

Was ist Zärtlichkeit? Wir wollen gleich zu Beginn psychologische und oberflächliche Konzepte außer acht lassen, die Zärtlichkeit als bloße Emotion und Erregung beim Fühlen der Anwesenheit des anderen identifizieren. Sich nur auf Gefühle zu konzentrieren, schafft Sentimentalität. Sentimentalität ist das Ergebnis unzureichend entwickelter Subjektivität. Solche Personen verschließen sich in sich selbst und zelebrieren die Gefühle, die der andere in ihnen hervorrief. Sie können nicht aus sich herausgehen.

 

Im Gegensatz dazu entsteht Zärtlichkeit dann, wenn jemand nicht nur um sich selbst kreist, sondern sich auf den anderen zu bewegt, den anderen als anderen wahrnimmt, an dessen Leben teilnimmt und es sich gestattet, sich von der Lebensgeschichte des anderen berühren zu lassen. Der andere prägt ihn, indem er im anderen verweilt, nicht wegen der Gefühle, die dadurch in ihm entstehen, sondern aus Liebe, aus Anerkennung für den anderen und für sein Leben und sein Ringen. „Ich liebe dich nicht etwa, weil du schön bist. Du bist schön, denn ich liebe dich.“

 

Zärtlichkeit ist die Zuneigung, die wir für die anderen um ihretwillen hegen. Zärtlichkeit ist Achtsamkeit ohne Besessenheit. Zärtlichkeit ist weder unmännlich noch verweichlicht. Es ist eine Zuneigung, die auf ihre eigene Weise den anderen zugänglich macht. Als Papst Franziskus mit den Bischöfen in Rio de Janeiro sprach, bat er sie um die „Revolution der Zärtlichkeit“ als die Bedingung für wahre pastorale Begegnung.

 

In Wirklichkeit kennen wir einander nur dann gut, wenn wir einander mögen und die Person, mit der wir eine Gemeinschaft gründen wollen, uns etwas bedeutet. Zärtlichkeit kann und sollte mit außerordentlichem Engagement Hand in Hand gehen können, wie es der Revolutionär par excellence, Ernesto Che Guevara, (1928-1968) vormachte. Seine inspirierenden Worte sind uns noch heute wertvoll: „Wir müssen uns abhärten, ohne die Zärtlichkeit zu verlieren“. Zärtlichkeit impliziert Kreativität und Selbstverwirklichung unseres Mitmenschen und durch die von uns geliebte Person.

 

Eine von Zärtlichkeit geprägte Beziehung ist frei von Angst, denn sie strebt nicht nach ihrem Vorteil und nach Beherrschung. Zärtlichkeit ist die dem Herzen eigene Stärke, sie ist der tiefe Wunsch, den Weg mit dem anderen gemeinsam zu gehen. Die Angst des anderen ist meine eigene Angst, sein Erfolg ist auch mein Erfolg, und sein Wohl bzw. seine Not sind auch mein Wohl oder meine Not und im Grunde genommen nicht nur meines sondern das aller.

 

Blaise Pascal (1623-1662), der französische Philosoph und Mathematiker des 17. Jh., traf eine wichtige Unterscheidung, die uns hilft, die Zärtlichkeit besser zu verstehen: Er unterscheidet zwischen dem Esprit de Finesse und dem Esprit de Géométrie. Der Esprit de Finesse ist der Geist der Reinheit, der Sensibilität, der Achtsamkeit und der Zärtlichkeit. Der Geist denkt und räsoniert nicht nur. Er geht darüber hinaus: der Vernunft fügt er die Sensibilität hinzu, die Intuition und die Fähigkeit zu tiefen Gefühlen. Aus dem Geist der Reinheit entstand die Welt der Begabungen, der großen Träume, der Werte und Zugeständnisse, in die Zeit und Energie zu investieren sich lohnt.

 

Der Esprit de Géométrie ist der Geist des Rechnens und der Arbeit, dem es um Effizienz und Macht geht. Doch wo Macht sich konzentriert, gibt es weder Zärtlichkeit noch Liebe. Aus diesem Grund sind autoritäre Personen so hart und ohne Zärtlichkeit und manchmal auch gnadenlos. Doch dies ist die Lebensweise, die unsere Moderne beherrscht. Sie findet alles verdächtig und lässt außer acht, was mit Zuneigung und Zärtlichkeit zu tun hat.

Von hier stammt das furchtbare Vakuum unserer „geometrischen“ Kultur mit ihrem Übermaß an Sensationen und dem Mangel an tief gehenden Erfahrungen; mit fantastischen Anhäufungen von Wissen, doch einem Mangel an Weisheit; mit einem Zuviel an Muskelkraft, aber Mangel an Zärtlichkeit oder Achtsamkeit für den anderen, die Erde und deren Söhne und Töchter, für die gemeinsame Zukunft aller.

 

Die Liebe und das Leben sind zerbrechlich. Ihre unbesiegbare Kraft schöpfen sie aus der Zärtlichkeit, mit der wir sie umgeben und für immer nähren.

 

 übersetzrt von Bettina Gold-Hartnack

 

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