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Feng Shui: die chinesische Weisheit der Achtsamkeit

18/03/2014

 

Ein Vorteil der Globalisierung, der einmal nicht wirtschaftlich-finanzieller, sondern kultureller Natur ist, besteht darin, dass sie uns den Zugang zu Werten ermöglicht, die in unserer abendländischen Kultur nicht so weit entwickelt sind. An dieser Stelle soll es uns um das chinesische Feng Shui gehen. Seine wörtliche Bedeutung setzt sich zusammen aus Wind (Feng) und Wasser (Shui). Der Wind ist Träger des Qi (ausgesprochen chi), der universellen Energie, die vom Wasser zurückgehalten wird. Auf der Ebene der Person spricht man vom „Meister der Empfehlungen“: Der Weise, der ausgehend von der Beobachtung der dem Qi und der Natur nahe stehenden Harmonie auf den Weg des Windes und des Wasserflusses hinweist und ebenso aufzeigt, wie man sinnvoll sein Zuhause einrichtet.

 

Beatriz Bartoly, der ich beratend zur Seite stand, schreibt in ihrer brillanten Doktorarbeit in Philosophie an der Staatlichen Universität von Rio de Janeiro (UERJ): „Feng Shui verhilft uns zu einer Form liebenden Eifers“ – wir würden sagen zu Achtsamkeit und Zärtlichkeit – „in Bezug auf die Banalität unserer Existenz, was im Westen lange Zeit missachtet und unterbewertet wurde: sich um Pflanzen zu kümmern, um Tiere, für sein Heim zu sorgen, für dessen Sauberkeit, die Pflege der Schlafzimmer, die Vorbereitung der Mahlzeiten, das tägliche Leben mit mit der prosaischen und gleichzeitig majestätischen Schönheit der Natur zu zieren. Das hauptsächliche Augenmerk dieser Lebensphilosophie liegt jedoch, über die Fürsorge für Gebäude und menschliche Werke hinaus, auf der Haltung und den Aktivitäten, denn mehr als um Resultate geht es dem Feng Shui um den Vorgang. Es wird eher Wert auf die Aktion gelegt als auf das Resultat, mehr auf das Verhalten als auf das Endergebnis.“

 

Folglich dreht sich die Philosophie des Feng Shui mehr um das Subjekt als um das Objekt, mehr um den Menschen als um seine Umwelt und sein Haus selbst. Der Mensch muss in diesen Prozess eingebunden sein, um die Wahrnehmung seiner Umwelt zu entwickeln, die Energieflüsse aufzunehmen sowie die Rhythmen der Natur. Er muss sich in einer harmonischen Haltung zu den anderen, zum Kosmos und dem Rhythmus der Natur befinden. Wem es gelingt, diese innere Umwelt zu schaffen, wird auch in der Lage sein, seine äußere Umwelt erfolgreich zu gestalten.

 

Eher noch als eine Kunst oder Wissenschaft ist Feng Shui im Grunde eine Weisheit, eine ökologisch-kosmische Ethik darüber, wie das Qi in unserer ganzen Umgebung richtig verteilt werden muss.

 

Mit seinen vielfältigen Facetten stellt das Feng Shui eine abschließende Synthese darüber dar, wie der Garten, das Haus oder die Wohnung harmonisch gestaltet werden können, unter gleichzeitigem Einbeziehen der anwesenden Elemente. Wir können sogar sagen, dass die Chinesen, ebenso wie die antiken Griechen, unermüdlich auf der Suche nach dem dynamischen Gleichgewicht aller Dinge sind.

 

Das höchste Ideal der chinesischen Tradition, das sich am besten im Buddhismus und Taoismus ausdrückt, wie er von Laozi (6.-5. Jh. v. Chr.) und von Zhuangzi (5.-4. Jh. v. Chr.) repräsentiert wird, besteht darin, durch einen Prozess der Integration der Unterschiede zur Einheit zu verhelfen, insbesondere der bekannten Polaritäten des Yin/Yang, männlich/weiblich, Raum/Zeit, himmlisch/irdisch etc. Das Tao steht für diese Integration, diese unaussprechliche Wirklichkeit, mit der es den Versuch unternimmt, die Person zur Einheit zu führen.

 

Tao steht für Weg und Methode, aber auch für die mysteriöse und geheimnisvolle Energie, die alle Wege bereitet und auf alle Mittel hinweist. Es lässt sich nicht mit Worten ausdrücken. Ihm gegenüber gibt es nur respektvolles Schweigen. Es unterliegt der Polarität von Yin und Yang und manifestiert sich selbst durch diese. Das Ideal des Menschen liegt darin, eine solch tiefe Vereinigung mit dem Tao zu erreichen, aus der das Satori, die Erleuchtung, resultiert. Für Taoisten liegt, im Gegensatz zu den Christen, das höchste Gut nicht jenseits des Todes, sondern hier, in Zeit und Geschichte, in der Erfahrung eines Nicht-Dualismus und der Integration in das Tao. Wenn jemand stirbt, so taucht er in das Tao ein und wird mit diesem vereint.

 

Um diese Vereinigung zu erreichen, ist die Harmonie mit der vitalen Energie, welche durch Himmel und Erde strömt und als Qi bezeichnet wird, unerlässlich. Qi lässt sich nicht übersetzen, entspricht aber dem Ruach der Juden, dem Pneuma der Griechen, dem Spiritus der Römer, der Achse der Yoruba/Nago, dem Quantenvakuum der Kosmologen: alles Ausdrücke für die höchste und kosmische Energie, die allen Lebewesen unterliegt und die deren Leben erhält.

 

Durch die Kraft des Qi werden alle Dingen verwandelt (siehe I Ching, das Buch der Wandlungen) und werden in einem andauernden Prozess aufrecht erhalten. Das Qi fließt im Menschen durch die Meridiane der Akupunktur. Es fließt in der Erde durch die sich unter der Erdoberfläche befindlichen irdischen Adern, hervorgerufen durch die elektromagnetischen Felder, die entlang den Meridianen der Akupunktur verlaufen und mit der Oberfläche der Erde verwoben sind. Die Ausbreitung des Qi steht für das Leben; sein Rückzug bedeutet Tod. Erlangt das Qi Gewicht, erscheint es als Materie, wird es feinsinnig, erscheint es als Geist. Die Natur ist eine weise Kombination der unterschiedlichen Zustände des Qi, vom leichtesten bis hin zum schwersten.

 

Taucht das Qi an einem bestimmten Ort auf, entsteht eine harmonische Landschaft mit sanften Brisen und kristallklarem Wasser, gewundenen Bergen und grünen Tälern. Dies ist eine Einladung an den Menschen, sich dort niederzulassen, sich ein Heim zu schaffen oder eine Wohnung zu suchen, wo er sich „zu Hause“ fühlen kann.

 

Die chinesische Weltsicht bevorzugt den Raum, im Gegensatz zum Westen, der die Zeit privilegiert. Raum bedeutet für den Taoismus Raum für Begegnung, für Geschwisterlichkeit, für Interaktionen aller mit allen, denn alle sind Träger der Energie Qi, die den Raum umfasst. Seinen höchsten Ausdruck findet der Raum zu Hause, im Garten, in einer gepflegten Wohnung.

 

Wer glücklich sein möchte, muss die Topophilie pflegen, die Liebe zu dem Ort, an dem man lebt und wo man seinen Garten hat oder wo sich seine Wohnung befindet. Feng Shui ist die Kunst und die Technik, sein Haus gut zu bauen, seinen Garten gut zu arrangieren, seine Wohnung mit einem Sinn für Harmonie und Schönheit zu dekorieren. Angesichts der schwindenden Achtsamkeit und der aktuellen ökologischen Krise hilft uns die tausendjährige Weisheit des Feng Shui, die Verbindung von Mitgefühl und Liebe mit der Natur wiederherzustellen. Diese Haltung richtet die menschliche Bleibe wieder auf (die die Griechen als Ethos bezeichnen) und die auf Achtsamkeit und deren vielfältigen Facetten basiert wie Zärtlichkeit, Barmherzigkeit und Herzlichkeit.

 

 Übersetzt von  Bettina Gold-Hartnack

 

 

 

 

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