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Die Geburt des brasilianischen Volkes, die Universität und die Weisheit des Volkes

22/03/2014


Die Geburt des brasilianischen Volkes ist noch nicht abgeschlossen. Bestehend aus Menschen mit einer Herkunft aus 60 unterschiedlichen Ländern, vermischen sich hier Repräsentanten aller Völker in einem offenen Prozess und tragen zum Werden eines neuen Volkes bei, das eines Tages geboren werden wird.

Aus der Kolonialzeit erbten wir einen überaus selektiven Staat, eine Elite, die andere ausschließt, und eine immense Anzahl an enteigneten Menschen und Nachkommen von Sklaven. Der Politik-Analyst Luiz Gonzaga de Souza Lima sagt in seiner Interpretation über den Ursprung Brasiliens, dass wir in ein transnationales Unternehmen hineingeboren sind, das heute dazu verdammt ist, Naturprodukte für den Weltmarkt zur Verfügung zu stellen. (siehe  A refundação do Brasil, 2011).

 

Doch trotz dieser sozio-historischen Einschränkung bildeten sich inmitten dieser enormen Menschenmenge Anführer und Bewegungen heraus, die alle Arten von Gemeinschaften, Vereinigungen und Aktions- und Reflexionsgruppen schufen, beginnend bei den Kokosnuss-Knackern des Maranhão bis hin zu den Völkern des Acre-Dschungels, von den Landlosen des Südens und Nordostens zu den Basisgemeinden und den Gewerkschaften der großen ABC-Region (Industrieregion im Umland von São Paulo; Anm. der Übersetzerin).

 

Die in diesen Bewegungen ausgeübte Demokratie brachte aktive Bürger und Bürgerinnen hervor;  und aus deren Beziehungen untereinander, unter Aufrechterhaltung der je eigenen Autonomie, entsteht eine kreative Energie des brasilianischen Volkes, das sich allmählich seiner Geschichte bewusst wird und eine andere und bessere Zukunft für alle entwirft.

 

Kein Projekt solchen Ausmaßes kann ohne Mitstreiter verwirklicht werden, ohne organische Verbindungen mit jenen, die über ein Spezialwissen über die sozialen Bewegungen der politisch Engagierten (los comprometidos) verfügen. Und hier ist die Universität dazu aufgerufen, ihren Horizont zu erweitern. Es ist wichtig, dass Schüler und Lehrer die lebendige Schule des Volkes besuchen, wie es Paulo Freire praktizierte, und dass die Universität sich für das Volk öffnet, sodass es den Professoren in den für das Volk relevanten Fächern zuhören kann, so wie bei mir, als ich an der Staatlichen Universität von Rio de Janeiro Vorlesungen hielt.

 

Diese Vision setzt voraus, dass es zu einem Bündnis zwischen der akademischen Intelligenzia und dem notleidenden Volk kommt. Alle  Universitäten, insbesondere nach der Reform ihres Statuts durch Humboldt im Jahr 1809 in Berlin, die es den modernen Wissenschaften ermöglichte, neben den Reflexionen des Humanismus, der von der bisherigen Universität geschaffen worden war, eine akademische Daseinsberechtigung zu erhalten, wurden zum klassischen Ort des Hinterfragens von Kultur, Leben, Menschen und dessen Geschick und von Gott. Die zwei Kulturen – die humanistische und die wissenschaftliche – kommunizieren mehr und mehr miteinander im Sinne eines Nachdenkens über das Ganze, über das Geschick des wissenschaftstechnischen Projekts selbst  im Hinblick auf die Erfindungen, die Menschen in der Natur machen, und die Verantwortung der Menschheit für die gemeinsame Zukunft der Nation und der Erde. Diese Herausforderung setzt eine neue Denkweise voraus, die nicht einer simplen, linearen Logik folgt, sondern der komplexen Logik und der des Dialogs.

 

Die Universitäten sind gefordert, eine organische Verwurzelung zu entwickeln: in den Peripherien, an der Basis des Volks und in den Bereichen, die direkt mit der Produktion verbunden sind. Hier kann es zu einem fruchtbaren Wissensaustausch kommen zwischen der Weisheit des Volkes, die sich durch Erfahrung gebildet hat, und dem akademischen Wissen, das auf dem kritischen Geist beruht. Aus diesem Bündnis wird gewiss eine Bandbreite an neuen theoretischen Fächern hervorgehen, die aus dem Zusammentreffen der Gegen-Wirklichkeit des Volks und der Wertschätzung des enormen Reichtums des Volkes in seiner Fähigkeit, selbst die Lösungen zu seinen Problemen zu finden, entstehen. Hier wird ein Wissensaustausch mit gegenseitiger Ergänzung in Gang gesetzt im Stil, wie ihn der Chemie-Nobelpreisträger Ilya Prigogine (1977) vorschlägt (siehe: Dialog mit der Natur. Serie Piper, München 1993).

 

Dieses Bündnis beschleunigt die Herausbildung eines Volkes; es ermöglicht eine neue Art des Bürgertums, das auf dem Mit-Bürgertum der Repräsentanten der zivilen und akademischen Gesellschaft sowie auf der Basis des Volkes gegründet ist, die für sich selbst die Initiative ergreifen und den Staat einer demokratischen Kontrolle unterziehen, indem sie von ihm grundlegende Dienstleistungen, insbesondere für die großen Bevölkerungsschichten am Rande der Gesellschaft, fordern.

 

In diesen Initiativen für das Volk mit seinen unterschiedlichen Aspekten (Behausung, Gesundheit, Bildung, Menschenrechten, Öffentliche Verkehrsmittel etc.) verspüren die sozialen Bewegungen ein Bedürfnis nach professionellem Wissen. Genau hier kann und muss die Universität ihr Wissen mitteilen, zu originellen Lösungsvorschlägen anleiten und Perspektiven eröffnen, die mitunter ungewöhnlich sein können für jemanden, der dazu verdammt ist, um sein Überleben zu kämpfen.

 

Aus diesem fruchtbaren Hin-und-Her zwischen Universitäts-Denken und Volks-Wissen kann ein Bio-Regionalismus entstehen, der ausreichend auf das Ökosystem und auf die Lokalkultur zugeschnitten ist. Ausgehend von dieser Praxis wird die staatliche Universität ihren öffentlichen Charakter zurückgewinnen und wirklich der Gesellschaft dienlich sein. Ebenso wird die private Universität ihre soziale Funktion ausüben, denn sie befindet sich zum Großteil in Geiselhaft der Privatinteressen der wohlhabenden Schichten und ist Brutstätte für deren sozialen Reproduktion. 

 

Dieser dynamische und widersprüchliche Prozess wird nur dann fruchtbar sein, wenn er von einem großen Traum durchdrungen ist: ein neues, selbständiges, freies Volk zu sein, das auf sein Land stolz ist. Der Anthropologe Roberto de Matta unterstreicht, dass das brasilianische Volk über einen wirklich beneidenswerten Reichtum verfügt: „Unsere ganze Kapazität zu synthetisieren, zu verknüpfen, zu versöhnen und dabei Bereiche und Werte zu schaffen, die mit Freude, Zukunft und Hoffnung zu tun haben“ (Porque o Brasil é Brasil, 1986, 121).

 

Trotz all dieses historischen Leidens, obwohl das brasilianische Volk so oft als Nichtsnutz  und als weniger als Nichts erachtet wurde, hat es doch niemals sein Selbstwertgefühl noch seine verzauberte Vision der Welt verloren. Brasilien ist das Zuhause eines Volkes mit großen Träumen, unbesiegbarer Hoffnung und großzügigen Utopien, ein Volk, das sich so voll göttlicher Energie fühlt, dass es vermutet, Gott müsse ein Brasilianer sein.

 

Möglicherweise ist diese verzauberte Vision der Welt einer der wichtigsten Beiträge, die wir Brasilianer für die neu entstehende Weltkultur leisten können, die so wenig zauberhaft ist und so wenig Sinn hat für Spiel, Humor und die Ko-Existenz von Gegensätzen.

 

Übersezt von Bettina Gold-Hartnack

 

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