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Unser Platz in der Gesamtheit des Lebens

12/04/2014

Die Ethik der vorherrschenden Gesellschaft ist eine utilitaristische und anthropozentrische. Das heißt, diese Ethik verfällt der Illusion, dass die Lebewesen der Natur nur in dem Maße ein Lebensrecht besitzen, in dem sie den Menschen nützlich sind und der Mensch nach Gutdünken mit ihnen verfahren kann. Die Menschen erachten sich selbst als die Krone der Schöpfung.

Die jüdisch-christliche Tradition bestärkte diese Vorstellung durch den Aufruf: „Unterwerft euch die Erde und herrscht über alles, was auf ihr lebt“ (Gen 1,28).

Nun wissen wir, dass wir Menschen zu den letzten Lebewesen zählen, die auf die Bühne der Schöpfung traten. Als diese zu 99,98 % abgeschlossen war, tauchten wir auf. Das Universum, die Erde und die Ökosysteme bedurften unserer nicht, um sich selbst zu organisieren und ihre majestätische Komplexität und Schönheit zu arrangieren.

Jedes Wesen besitzt einen intrinsischen Wert, unabhängig von dem Nutzen, den wir aus ihm ziehen. Jedes Wesen ist eine Manifestation dieser allem zugrunde liegenden Energie, wie die Kosmologen es nennen, bzw. dieses alle Wesen hervorbringenden Abgrunds. Jedes Wesen, selbst das am wenigsten angepasste, kann etwas zum Vorschein bringen, wozu nur es selbst in der Lage ist, und anschließend verschwindet es möglicherweise für immer aufgrund natürlicher Selektion. Doch für uns ist es wichtig, auf die Botschaft zu hören, die dieses Wesen uns vermittelt, und sie zu zelebrieren.

Am schwerwiegendsten jedoch ist die Vorstellung, die sich die Moderne und viele Mitglieder der zeitgenössischen Wissenschaftsgemeinde vom Planeten Erde und der Natur machen. Sie erachten sie als simple „res extensa“, als etwas Messbares, Manipulierbares und, gemäß Francis Bacons rüder Ausdrucksweise, als etwas, das man „so lange foltert, wie der Inquisitor es mit seinen Opfern zu tun pflegt, bis er alle Geheimnisse aus ihnen herausgequält hat“. Die vorherrschende wissenschaftliche Methode hält noch immer an dieser aggressiven und perversen Logik fest.

René Descartes legt in seiner Abhandlung über die Methode einen ziemlichen Reduktionismus über das Verständnis an den Tag: „Ich verstehe unter ‘Natur’ weder eine Gottheit noch irgendeine andere Art von imaginärer Energie; stattdessen benutze ich dieses Wort, um Materie zu beschreiben.“ Für Descartes ist unser Planet etwas Regloses, Zweckloses, als wären die Menschen nicht Teil dieser Natur.

Fakt ist, dass wir in den Evolutionsprozess einstiegen, als er bereits ein sehr hohes Maß an Komplexität erreicht hatte. Dann erstand menschliches Leben, bewusst und frei, als ein Unterkapitel des Lebens. Durch uns erst wurde sich das Universum seiner selbst bewusst. Und dies geschah in dem winzigen Teil des Universums, das die Erde darstellt. Aus diesem Grund sind wir der Teil der Erde, der fühlt, liebt, denkt, achtsam und voll Bewunderung ist. Wie der argentinische Liedermacher Atahualpa Yupanqui sagt: „Wir sind die Erde, die läuft.

Unser besonderer Auftrag, unser Platz in der Gesamtheit des Lebens, besteht darin, dass wir diejenigen sind, die die Größe des Universums zu schätzen wissen, die den Botschaften, die jedes Lebewesen zum Ausdruck bringt, lauschen und die die Diversität der Wesen und des Lebens zelebrieren.

Und da wir mit Vernunft und Intelligenz ausgestattet sind, haben wir den moralischen Auftrag, für die Schöpfung zu sorgen und sie zu beschützen, um ihren Fortbestand in Vitalität und Integrität zu gewährleisten, und zwar unter den Bedingungen, die es ihr ermöglichen, sich weiterhin zu entwickeln, wie sie es seit 4,4 Milliarden Jahren tut. Dank sei Gott, dem biblischen Autor, dass er den oben zitierten Text korrigierte und im 2. Kapitel von Genesis sagt: „Gott, der Herr, nahm also den Menschen und setzte ihn in den Garten von Eden (die ursprüngliche Erde), damit er ihn bebaue und hüte.“ (Gen 2,15).

Bedauerlicherweise erfüllen wir unseren Auftrag schlecht, denn, wie der Biologe E. Wilson sagt: „Die Menschheit ist die erste Spezies in der Geschichte des Lebens, die sich als eine geophysikalische Kraft herausgestellt hat; der Mensch, dieses zweibeinige Wesen, ein solcher Hohlkopf, hat bereits die Atmosphäre und das Klima der Erde verändert und sie weit von ihren üblichen Normen entfernt; er hat Tausende von giftigen Chemikalien in der ganzen Welt verbreitet, und nun sind wir dabei, das Trinkwasser zu erschöpfen.“ (Creation: An Appeal to Save Life on Earth, 2007). Besorgt angesichts dieser Situation und der Bedrohung durch eine nukleare Apokalypse fragte sich Norberto Bobbio, der große italienische Rechts- und Demokratie-Philosoph: „Verdient es die Menschheit, gerettet zu werden?“ (Il Foglion. 409, 2014, 3).

Wenn wir nicht als Feinde des Lebens durch die Erde selbst von ihr vertrieben werden wollen, müssen wir unsere Einstellung der Natur gegenüber verändern. Doch vor allem müssen wir die Erde, wie es die UNO im April 2009 tat, als Mutter Erde annehmen und entsprechend für sie sorgen, die Geschichte jedes Wesens, ob lebendig oder starr, anerkennen und respektieren. Sie existierten Millionen von Jahren vor uns und ohne uns. Daher müssen sie ebenso respektiert werden, wie wir die alten Menschen respektieren, denen wir mit Respekt und Liebe entgegen treten. Mehr noch als wir haben sie ein Recht auf die Gegenwart und die Zukunft, gemeinsam mit uns. Ansonsten werden uns weder die Technologie noch die Versprechen von grenzenlosem Fortschritt retten können.

Übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

 

Leonardo Boff

11.04.2014

 

 

 

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