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Immerwährender Friede mit der Natur und mit Mutter Erde

26/04/2014

Eine der schöpferischsten Hinterlassenschaften des Franz von Assisi, die durch Franziskus von Rom aufgegriffen wurde, ist das Gebet für den Frieden, den wir heute so dringend brauchen. Ursprünglich grüßte der Hl. Franziskus alle, denen er begegnete, indem er ihnen „Frieden und Heil“ wünschte, was dem biblischen Shalom entspricht. Der Frieden, nach dem er sich sehnte, beschränkte sich nicht auf zwischenpersönliche und soziale Beziehungen. Ihm ging es um einen immerwährenden Frieden mit allen Erscheinungsformen der Natur, die er zärtlich Brüder und Schwestern nannte.

Vor allem „Schwester und Mutter Erde“, wie er sie nannte, sollte diese Umarmung des Friedens erfahren. Sein erster Biograph, Thomas von Celano, fasst auf wunderbare Weise das Gefühl der Geschwisterlichkeit mit der Welt, das ihn so erfüllte, in seiner Beschreibung wie folgt zusammen: „Er war jedesmal von unaussprechlicher Freude erfüllt, wenn er die Sonne sah, den Mond anschaute und seinen Blick dem Firmament und den Sternen zuwandte. Wenn er auf Blumen traf, predigte er ihnen, als wären sie mit Intelligenz begabt, und lud sie ein, Gott zu preisen. Er tat dies mit unschuldiger und bewegender Zärtlichkeit: Er hielt die Weinberge, die Weizenfelder, die Steine und Wälder, die Felder auf dem Lande und die Flussläufe, die schönen Obstgärten, die Erde, das Feuer und den Wind zur Dankbarkeit an.“

Diese ehrfürchtige und zärtliche Haltung trieb ihn dazu, Schnecken von den Wegen aufzuheben, sodass niemand auf sie treten würde. Er gab den Bienen im Winter Honig, damit sie nicht verhungerten und erfroren. Er forderte die Brüder dazu auf, die Bäume nicht mit den Wurzeln zu fällen in der Hoffnung, dass diese wieder austrieben. Selbst den Unkräutern wies er einen Platz in den Gärten zu, an dem sie gedeihen konnten, denn auch sie zeugten vom „schönsten Vater aller Dinge“.

Nur wer auf die symbiotische Resonanz in seiner Seele hört, ist in der Lage, in dieser Intimität mit allen Wesen zu leben, in der sich die Ökologie der Umwelt mit der tiefen Ökologie der Seele vereint. Franz von Assisi stellte sich selbst nie über die Dinge, sondern befand sich mit ihnen auf Augenhöhe wie jemand, der wahrhafte Geschwisterlichkeit lebt, und erfuhr auf diese Weise Verwandtschaftsbeziehungen, die alles miteinander verbinden.

Das franziskanische und ökologische Universum ist niemals inaktiv; die Dinge sind weder dafür da, um sich in Reichweite zugreifender Hände der Menschen zu befinden, noch einfach nur nebeneinander angeordnet, ohne miteinander zu koexistieren. Alles trägt zu einer grandiosen Sinfonie bei, deren Meister der eine Schöpfer ist; alle Dinge sind animiert und persönlich. Franz von Assisi entdeckte durch Intuition, was wir heute dank wissenschaftlicher Methoden (Crick und Watson entschlüsselten die DNS) wissen: dass alle Lebewesen miteinander verwandt sind, wie Cousins und Geschwister, denn wir alle besitzen denselben grundlegenden genetischen Code. Franz von Assisi erfuhr diese Blutsverwandtschaft auf spirituelle Weise.

Aus dieser Haltung entstand ein unerschütterlicher Friede, frei von Angst und Bedrohungen, ein Friede, wie für jemanden, der sich immer wie zu Hause fühlt, wie bei seinen Eltern und Geschwistern. Dem Hl. Franziskus wurde diese großartige Definition bewusst, die die Erd-Charta für den Frieden fand: „Es ist die Fülle, die aus dem richtigen Verhältnis zu sich selbst entsteht, zu anderen Personen, anderen Kulturen, anderem Leben, mit der Erde und mit dem Ganzen, dessen Teil wir alle sind“ (Nr. 16f).

Der höchste Ausdruck für Frieden, eine geschwisterliche Koexistenz und ein warmes Willkommenheißen für alle Personen und Dinge, ist in der bekannten Geschichte über die vollkommene Freude symbolisiert. Mithilfe der List der Vorstellungskraft formuliert Franz von Assisi alle Arten von Beleidigungen und Gewalt, die zwei Brüder zu ertragen hatten (einer davon war er selbst). Von Regen durchnässt und schlammbedeckt kommen sie erschöpft im Konvent an. Dort werden sie auf vielfältige Weise vom Bruder Pförtner abgewiesen („mit einem knorrigen Stock geschlagen“). Obwohl sie als Brüder erkannt wurden, waren sie moralisch diffamiert und stießen sie Personen von zweifelhaftem Ruf auf Ablehnung.

In der Geschichte über die vollkommene Freude, die in der buddhistischen Tradition Parallelen aufweist, geht Franziskus Schritt für Schritt vor, um die Mechanismen, die eine Gewaltkultur schaffen, abzubauen. Wahre Freude liegt nicht im Selbstwertgefühl oder im Bedürfnis nach Anerkennung, im Vollbringen von Wundern oder im Sprechen in Zungen. An deren Stelle setzt Franziskus die Fundamente einer Friedenskultur: Liebe, die Fähigkeit, Widersprüche auszuhalten, Vergeben und Versöhnung über alle Vorurteile oder vorherige Forderungen hinaus. Wird diese Haltung gelebt, folgt daraus Friede, ein innerer Friede, der unveränderlich ist, freudige Koexistenz mit der schärfsten Opposition ermöglicht; Friede der die Frucht völliger Loslösung ist. Sind dies nicht die ersten Früchte des Reiches der Gerechtigkeit, des Friedens und der Liebe, nach dem wir uns so sehr sehnen?

Die Friedensvision des Hl. Franziskus steht für eine andere Weise des Lebens-in-der-Welt, für eine Alternative zur Seinsweise in der Moderne und Postmoderne, welche auf Besitz und respektlosem Gebrauch von Dingen beruht, die ohne jegliche Rücksichtnahme nur dem Vergnügen der Menschen dienen.

Obwohl er vor mehr als 800 Jahren lebte, ist Franz von Assisi in gewisser Weise aktueller als wir. Wir sind alt und gealtert, denn wir zerstören mit unserer Gier die Basis, die das Leben auf unserem Planeten erhalten soll, und gefährden unsere Zukunft als Spezies. Die Entdeckung der kosmischen Geschwisterlichkeit wird dazu beitragen, diese Krise zu überwinden, und wird uns die verlorene Unschuld zurückgeben, die im kindlichen Schimmer des Erwachsenseins besteht.

Übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

 

 

 

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