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Sich selbst verlieren, um sich selbst zu finden: der Mönch, die Katze und der Mond

29/04/2014

Der moderne Mensch hat den Sinn für die Kontemplation verloren und kann auch nicht mehr über seinen Widerschein im kristallklaren Wasser eines Bachs staunen, noch sich vom sternklaren Himmel überraschen lassen oder hingerissen sein von den leuchtenden Augen eines Kindes, das ihn fragend anschaut. Der moderne Mensch kennt die Frische eines Herbstnachmittags nicht mehr und ist nicht in der Lage, mit sich selbst allein zu sein. Er kann nicht mehr ohne Auto, Internet oder Fernsehen auskommen und nicht ohne seine Beschallungsausrüstung. Er hat Angst, seine innere Stimme zu vernehmen, die Stimme, die niemals lügt, die uns rät und zustimmt, uns beurteilt und die stets mit uns ist. Was zutiefst wahr ist, kann nur durch Kurzgeschichten, selten jedoch durch Konzepte, gut zum Ausdruck gebracht werden, wie wir von unseren weisen Vorfahren wissen. Manchmal, wenn wir die Erfahrung machen, dass wir verloren sind, sind wir in Wirklichkeit gerade dabei, uns selbst zu finden. Die folgende Geschichte versucht, uns dies mitzuteilen: Es ist eine Herausforderung für uns alle.

Diese Kurzgeschichte wurde von meinem Bruder Waldemar Boff geschrieben, der versucht, so zu leben, wie einst die Mönche in der Wüste lebten. Sie bringt uns zu unserer verloren gegangenen Dimension zurück. Waldemar, einer meiner zehn Brüder, der in den USA studierte, ist nun ein Landwirt und ein Lehrer für das Volk. Er schreibt:

Es war einmal ein Eremit, der hinter den Iguazaim-Bergen, im Süden der Acaman-Wüste, lebte. Ungefähr 30 Jahre waren vergangen, seitdem er beschlossen hatte, sich an diesen Ort zurückzuziehen. Einige Ziegen gaben ihm seine tägliche Milch, und ein Stück fruchtbares Land im Tal gab ihm Brot. In der Nähe seiner Hütte gab es einen Weinstock. Während des Jahres bauten sich die Bienen unter der Decke aus Palmwedel ihren Stock.

„30 Jahre lebe ich nun hier …“, seufzte Porfirio, der Mönch. „30 gute Jahre …“ Und wie er so auf einem Felsen sitzt, den Blick im Wasser des kleinen Flusses, der über die Kiessteine hüpfte, versenkt, verweilte er mit diesem Gedanken für lange Stunden. „30 gute Jahre, und noch immer habe ich mich selbst nicht gefunden. Für alles und jeden bin ich verloren gegangen in der Hoffnung, mich selbst zu finden. Doch ich habe mich unwiderbringlich selbst verloren!“

Am folgenden Morgen, noch vor Sonnenaufgang und nach dem Pilgergebet, machte er sich mit einem karg bestückten Sack auf dem Rücken und halb ausgetretenen Sandalen auf den Weg zu den Iguazaim Bergen. Immer wenn merkwürdige Kräfte sein Innenleben zu zerstören drohten, stieg er in die Berge. Er wollte Abba Tebaino aufsuchen, den ältesten und weisesten Eremiten und Vater einer ganzen Generation von Wüstenmännern. Abba Tebaino lebte unter einem breiten Felsvorsprung, von dem aus man die Weizenfelder des Icanaum-Dorfes in der Ferne sehen konnte.

„Abba, ich habe alles verlassen, um mich selbst zu finden. Nun aber bin ich unwiderbringlich verloren gegangen. Ich weiß weder, wer ich bin, noch wofür oder für wen ich da bin. Ich habe das Beste meiner selbst verloren, meines ganz eigenes Selbst. Ich habe nach Frieden und Kontemplation gestrebt, doch ich kämpfe mit Geistern. Ich habe alles getan, um Frieden zu verdienen. Sieh meinen Körper an: Er ist knorrig wie eine Wurzel, vom vielen Fasten, den rauen Hemden und nächtlichem Gebet gezeichnet … Und hier bin ich nun, gebrochen und schwach, besiegt durch die Erschöpfung meines Suchens.“

Und tief in der Nacht, unter einem riesigen, die Umrisse der Berge beleuchtenden Mond, am Ausgang seiner Grotte sitzend, lauschte Abba Tebaino mit unendlicher Zärtlichkeit den Bekenntnissen von Bruder Porfirio.

Später, in einem dieser Augenblicke, während derer die Welt stille wird und nur die Präsens bleibt, kam eine kleine Katze, die viele Jahre lang mit dem Abba lebte, langsam zu dessen bloßen Füßen gekrochen. Die kleine Katze miaute, leckte den groben Rand der Kutte des Abba, machte es sich gemütlich und begann mit seinen großen, kindlichen Augen den Mond zu betrachten, der wie die Seele des Gerechten allmählich den Himmel hinaufstieg.

Und nach einer langen Weile begann Abba Tebaino sehr liebevoll zu sprechen:

„Porfirio, mein lieber Sohn, du musst wie eine Katze sein; sie sucht nichts für sich selbst, aber erwartet alles von mir. Jeden Morgen wartet sie an meiner Seite auf eine Brotrinde und auf etwas Milch in der alten Holzschale. Später kommt sie und verbringt den Tag ganz in meiner Nähe und leckt meine geschwollenen Füße. Sie möchte nichts, sucht nach nichts, erwartet nichts. Sie ist Verfügbarkeit. Sie ist Hingabe. Sie lebt schlicht und einfach für das Leben. Sie lebt für den anderen. Sie ist Geschenk, Gnade, Dankbarkeit. Hier, wo sie nahe bei mir liegt, unschuldig und naiv, betrachtet sie, so archaisch wie das Dasein, das Wunder des riesigen, seligen aufgehenden Mondes. Die Katze sucht nicht für sich selbst, nicht einmal für die intime Eitelkeit der Selbstreinigung oder der Befriedigung der Selbstverwirklichung. Dies war unwiderbringlich verloren für mich und den Mond … Dies ist die Bedingung dafür, zu sein, wie man ist und um sich selbst zu finden.“

Und eine tiefe Stille kam auf die Öffnung des großen Felsvorsprungs herab.

Am folgenden Morgen, noch vor Sonnenaufgang, sangen zwei Eremiten die Morgenpsalmen. Ihr Lob hallte wider durch die Berge und ließ die Grenzen des Universums erbeben. Dann gaben sie einander einen Abschiedskuss. Bruder Porfirio kehrte mit einer kleinen Tasche auf seinen Schultern und mit halb ausgetretenen Sandalen zu seinem Tal, dem Süden der Acaman-Wüste, zurück. Er hatte verstanden, dass er sich selbst in der reinsten und einfachsten Dankbarkeit zu verlieren hatte, um sich selbst zu finden.

Die Menschen, die im Nachbardorf lebten, sagten viele Jahre später, dass sie in der tiefen Vollmondnacht ein großes Leuchten am Himmel sahen. Das war Porfirio, der Mönch, der zusammen mit dem Mond die unendliche Weite des von Sternen unglaublich hell strahlenden Himmels bestieg. Er brauchte sich nun nicht mehr zu verlieren, denn er hatte sich endgültig und für immer selbst gefunden.“

 

Leonardo Boff

28.04.2014

2 Comentários leave one →
  1. 01/05/2014 13:42

    Quando morava em Petrópolis-Cascatinha,tinha um privilégio de ver uma bela cascata que nos dias chuvosos sua água nos lembrava a neve ou boa clara de ovo.Da janela da sala ficava horas a adimirar o outro lado.Também a lua, a chuva e o nevoeiro,tudo isso fez parte de minha infância.Quanta saudade tenho de caminhar na rua e ver toda essa paisagem.Depois morei na Mosela e com minha esposa,gostava de ficar adimirando à noite as estrelas, a lua.Foram bos anos.Hoje no Rio não tenho esse conforto,luto para que meus filhos deixem de lado um pouco o celular para sentarmos na mesa e conversar,olharmos e nos sentir calorosos,nas palavras,no carinho e no amor.Sigo também tentando me encontrar…

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