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“Schönheit wird die Welt retten” – Dostojewski sagt uns, wie das geht

21/05/2014

Von den Griechen lernten wir, was durch die Jahrhunderte hinweg weitergegeben wurde, dass alle Lebewesen, wie unterschiedlich sie auch sein mögen, drei gemeinsame transzendente Eigenschaften besitzen (unabhängig von Situation, Ort und Zeit): unum, verum und bonum, d. h. jedes Wesen erfreut sich einer inneren Einheit, die seine Existenz bewahrt; es ist wahrhaft, denn es zeigt sich in der Wirklichkeit so, wie es ist; und es ist gut, denn es ist gut auf seine Rolle an der Seite anderer Lebewesen zugeschnitten, denen es hilft zu existieren und zu koexistieren.

Die mittelalterlichen franziskanischen Meister, wie Alexander von Hales und insbesondere der Hl. Bonaventura, schrieben dem Lebewesen, in Weiterführung der Tradition des Dionysius Aeropagita und des Hl. Augustinus, eine weitere transzendente Eigenschaft zu: pulchrum, d. h. Schönheit. Der Hl. Franziskus, ein Poet und Ästhet von außerordentlicher Fähigkeit, der „in der Schönheit der Geschöpfe den Allerschönsten erkannte“, bereicherte unser Verständnis vom Lebewesen durch die Dimension der Schönheit, was gewiss auf seiner persönlichen Erfahrung beruhte. Alle Wesen, selbst diejenigen, die abstoßend auf uns wirken, zeigen, wenn wir sie mit Zuneigung betrachten, in ihren Details und im Ganzen, jedes auf seine eigene Weise, eine einzigartige Schönheit, und wenn nicht in ihrer Form, so doch in der Art und Weise wie das Ganze durch erstaunliches Gleichgewicht und Harmonie zum Ausdruck gebracht wird.

Einer der größten Schönheits-Experten war Fjodor Dostojewski. Schönheit war in seinem Leben etwas so Zentrales, wir der Benediktinermönch und große Spirituelle, Anselm Grün, uns in seinem letzten Buch („Schönheit – Eine neue Spiritualität der Lebensfreude“, Vier- Türme Verlag, 2014) lehrt, dass sich der große russische Schriftsteller jedes Jahr nach Dresden begab, um Raphaels wunderschöne Sixtinische Madonna zu betrachten. Vor diesem großartigen Werk verweilte er lange Zeit. Dies ist erstaunlich, denn seine Romane spielen in den düstersten und perversesten Bereichen der menschlichen Seele. Was ihn aber tatsächlich antrieb, war die Suche nach Schönheit. Seinem Roman „Der Idiot“ verdanken wir den berühmten Satz: „Schönheit wird die Welt retten.“

In “Die Brüder Karamasow” vertieft Dostojewski diese Frage. Ippolit, ein Atheist, fragt Prinz Mischkin: „Wie könnte Schönheit die Welt retten?“ Der Prinz sagt nichts darauf, sondern geht zu einem 18-jährigen jungen Mann, der ein qualvolles Leben führt. Erfüllt von Mitgefühl und Liebe bleibt er bei ihm, bis der junge Mann stirbt. Damit wollte der Prinz zum Ausdruck bringen, dass Schönheit uns zur Liebe führt, wenn wir den Schmerz unserer Mitmenschen teilen; die Welt wäre jetzt und für immer gerettet, wenn diese Geste gelebt würde. Wie sehr vermissen wir sie heutzutage!

Das Betrachten von Raphaels Madonna war Dostojewskis persönliche Therapie. Hätte er dies nicht getan, so wäre er angesichts all der Probleme, die er sah, an der Menschheit und sich selbst verzweifelt. In seinen Werken beschrieb er böse und zerstörerische Menschen sowie solche, die kurz vor der Verzweiflung standen. Doch seiner Sichtweise, nach der Liebe damit einhergeht, die Schmerzen anderer zu teilen, gelang es, die Schönheit in der Seele der perversesten Personen zu sehen. Für Dostojewski bestand das Gegenteil von Schönheit nicht in Hässlichkeit, sondern im Utilitarismus, der Haltung, andere zu benutzen und sie dabei ihrer Würde zu berauben.

“Gewiss können wir nicht ohne Brot leben, aber es ist ebenso unmöglich, ohne Schönheit zu leben“, wiederholte Dostojewski immer wieder. Schönheit ist mehr als Ästhetik, sie hat eine ethische und religiöse Dimension inne. Er sah in Jesus jemanden, der Schönheit zeigte. „Er war ein Beispiel für Schönheit und Er pflanzte sie in die Seele der Menschen, sodass sie alle durch Schönheit einander Brüder würden.“ Dostojewski meint hier nicht die Nächstenliebe. Im Gegenteil: Es ist die Schönheit, die die Liebe hervorruft und uns den anderen als liebenswert erscheinen lässt.

Unsere vom Markt regierte Kultur sieht Schönheit als eine körperliche Konstruktion, nicht als das Ganze einer Person. Demnach scheinen Schönheitsoperationen, Botox und andere Methoden Menschen „schöner“ zu machen. Als eine künstliche Schönheit besitzt sie jedoch keine Seele. Und bei näherem Betrachten resultiert diese fabrizierte Schönheit in einer kalten Schönheit mit einer Aura von Künstlichkeit, die weder strahlt noch leuchtet. Dies erinnert eher an Eitelkeit, nicht an Liebe, denn Schönheit hat mit Liebe und Kommunikation zu tun. In den „Brüdern Karamasow“ beobachtet Dostojewski, dass ein Gesicht schön ist, wenn man in ihm sieht, wie Gott und der Teufel über Gut und Böse streiten. Lässt sich dabei erkennen, dass das Gute den Sieg davonträgt, entsteht ein Ausdruck von zarter, natürlicher und strahlender Schönheit. Welche Schönheit ist besser: die des kalten Gesichts eines Topmodels oder das faltige und strahlende Gesicht von Schwester Dulce aus Salvador de Bahia oder von Mutter Teresa aus Kalkutta? Schönheit ist das Strahlen des Wesens. In diesen beiden Schwestern ist dieses Strahlen deutlich erkennbar, in den Topmodels ist es kraftlos.

Papst Franziskus hat der Weitergabe des christlichen Glaubens durch die via pulchritudinis (den Weg der Schönheit) besondere Wichtigkeit verliehen. Es reicht nicht, dass die Botschaft gut und gerecht ist. Sie muss schön sein, denn nur so kann sie das Herz der Menschen erreichen und die Liebe hervorrufen, die Anziehung ausübt (Apostolisches Schreiben „Freude des Evangeliums“, Nr. 167). Der Kirche geht es nicht um Proselytenmacherei, sondern um die Anziehungskraft, welche von Schönheit und Liebe herrührt, deren Gemeinsamkeit die Herrlichkeit ist.

Schönheit hat einen Sinn in sich selbst. Sie ist nicht funktionell. Sie ist wie die Blume, die blüht, um zu blühen. Es spielt keine Rolle, ob sie gesehen wird oder nicht, wie der Mystiker Angelus Silesius sagt. Doch wer ist nicht fasziniert von einer Blume, die unentgeltlich ins Universum lächelt? Also müssen wir Schönheit leben inmitten einer Welt von Zinsen, Tausch und Handel. Dann verwirklicht die Schönheit die Bedeutung ihrer Herkunft aus dem Sanskrit, Bet-El-Za, das bedeutet „der Ort, an dem Gott scheint“. Er scheint überall und lässt auch uns mit dem Schönen scheinen.

 

One Comment leave one →
  1. 23/05/2014 12:53

    Gracias, me encanta tu blog

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