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Erneuerung unseres natürlichen Vertrages mit der Erde

18/06/2014

Bis zum heutigen Tag bestand der Traum des Weißen Mannes aus dem Abendland darin, die Erde zu beherrschen und sich alle anderen Lebewesen zu unterwerfen, um daraus grenzenlosen Profit zu ziehen. Dieser Traum hat sich durch die Globalisierung weltweit ausgebreitet und ist nun, vierhundert Jahre später, zu einem Alptraum geworden. Die Apokalypse kann heute mehr denn je durch uns ausgelöst werden, wie der bedeutende Historiker Arnold Toynbee vor seinem Tode schrieb.

Aus diesem Grund müssen wir unsere Menschlichkeit und Zivilisation durch eine anders gelagerte Beziehung mit der Erde neu erfinden, sodass die Erde nachhaltig werden kann, d. h. damit die Bedingungen für die Aufrechterhaltung und Reproduktion erfüllt werden, um das Leben unseres Planeten zu erhalten. Dies wird nur möglich sein, wenn wir den natürlichen Vertrag mit der Erde wieder ernst nehmen und wenn wir bedenken, dass alle Lebewesen, die Träger desselben genetischen Codes sind wie wir, die große Lebensgemeinschaft auf der Erde bilden. Jedes Wesen besitzt einen intrinsischen Wert und ist daher mit Rechten ausgestattet.

Alle Verträge gehen von Gegenseitigkeit aus, von wechselseitigem Austausch und der Anerkennung der Rechte beider Parteien. Von der Erde erhalten wir alles: Leben und alles, was wir zum Leben brauchen. Im Gegenzug haben wir im Namen des natürlichen Vertrages die Pflicht zur Dankbarkeit, zur Gegenseitigkeit und Achtsamkeit, sodass die Erde ihre Lebenskraft erhalten und das tun kann, was sie schon immer für uns alle tat. Doch wir brachen diesen Vertrag vor langer Zeit.

Um diesen natürlichen Vertrag zu erneuern, müssen wir wie der Verlorene Sohn aus dem Gleichnis Jesu handeln. Wir müssen wieder zur Erde zurückkehren, zu unserem Gemeinsamen Haus, und um Vergebung bitten. Vergebung setzt einen Wandel in unserem Verhalten voraus, in Bezug auf den Respekt und die Achtsamkeit, die die Erde verdient. Die Erde ist unsere Mutter, die Pacha-Mama des Anden-Volks und die Gaia der modernen Menschen. Wenn wir diese Verbindung nicht wiederherstellen, wird es für uns schwierig werden zu überleben. Möglicherweise wird die Erde uns nicht mehr auf sich dulden wollen. Deshalb ist Nachhaltigkeit hier und jetzt so essentiell. Entweder kann diese sich durchsetzen, oder wir werden zu Zeugen einer Tragödie für das Lebenssystem und die menschliche Spezies.

Schon immer haben wir den natürlichen Vertrag gebrochen, und dennoch sendet uns Mutter Erde immer noch positive Zeichen. Trotz der Erderwärmung und des Schwindens der Artenvielfalt scheint noch immer die Sonne, singt die sabia, die brasilianische Drossel, jeden Morgen, lächeln die Blumen alle Passanten an, gleiten die Kolibris über die Knospen der Lilien, werden immer noch Kinder geboren und bestätigen uns, dass Gott noch immer an die Menschheit glaubt und dass sie eine Zukunft hat.

Die Erneuerung des natürlichen Vertrags impliziert, dass die Vision und die Werte aufrecht erhalten werden, die in der Rede des Indianerhäuptlings Seattle, dem Stammesoberhaupt der Duwamish, zum Ausdruck gebracht wurden, welche er im Jahr 1856 in Gegenwart von Isaac Stevens hielt, dem Gouverneur des Washingtoner Territoriums:

„Einer Sache sind wir gewiss: die Erde gehört nicht dem Menschen. Der Mensch gehört zur Erde. Alle Dinge sind miteinander verbunden. Was der Erde schadet, schadet auch den Söhnen und Töchtern von Mutter Erde. Der Mensch schuf nicht den Stoff des Lebens; er ist nur ein Faden darin. Alles, was der Mensch diesem Stoff antut, tut er sich selbst an. … Wir könnten die Absichten des Weißen Mannes verstehen, würden wir seine Träume kennen, wüssten wir von seinen Hoffnungen, die er seinen Söhnen und Töchtern in den langen Winternächten weitergibt, und welche Visionen für der Zukunft er ihnen vorstellt, sodass sie Träume für morgen daraus weben können.“

Am 22. April 2009 akzeptierte die Versammlung der Vereinten Nationen nach langen und komplizierten Verhandlungen einstimmig die Vorstellung, dass die Erde eine Mutter ist. Diese Aussage ist bedeutungsschwer. Die Erde kann als Grund und Boden abgetragen, benutzt, ge- und verkauft werden. Die Erde als Mutter kann weder ver- noch gekauft werden, sondern nur geliebt, respektiert und geachtet, so wie wie es mit Müttern zu tun pflegen. Ein solches Verhalten wird den natürlichen Vertrag bekräftigen, der für die Nachhaltigkeit unseres Planeten sorgen wird, denn es stellt die gegenseitige Beziehung wieder her.

Der Präsident Boliviens, Evo Morales Ayma, der aus einer indigenen Aymara-Familie stammt, betont immer wieder, dass das 21. Jahrhundert das Jahrhundert der Rechte von Mutter Erde, der Natur und aller Lebewesen sein wird. In seinem Beitrag zur Sitzung der UN Versammlung am 22. April 2009, bei der auch ich mit einer Rede über die theoretische Begründung, warum die Erde eine Mutter ist, teilnahm, zählte er prägnant einige der Rechte von Mutter Erde auf:

– das Recht auf Erneuerung der Lebensfähigkeit von Mutter Erde,

– das Lebensrecht aller Lebewesen, insbesondere derer, die vom Aussterben bedroht sind,

– das Recht auf ein Leben in Reinheit, denn Mutter Erde hat das Recht auf ein Leben ohne Kontaminierung und Verschmutzung,

– das Recht aller Bürgerinnen und Bürger auf ein gutes Leben,

– das Recht, mit allen Dingen in Einklang und Gleichgewicht zu leben,

– das Recht auf die Verbindung mit dem Ganzen, dessen Teil wir sind.

Diese Vision ermöglicht uns, den natürlichen Vertrag mit der Erde zu erneuern, der, in Verbindung mit dem sozialen Vertrag unter ihren Bürgerinnen und Bürgern, schließlich die Nachhaltigkeit des Planeten verstärken wird.

Für die indigenen Völker ist eine solche Haltung selbstverständlich. Wir haben in dem Maß, in dem wir die Verbindung zur Natur verloren haben, ebenso das Bewusstsein für die Beziehung von Wissen und Dankbarkeit der Erde gegenüber verloren. Daher ist es so wichtig, dass wir uns intensiver mit diesen Völkern befassen und von ihnen lernen, der Erde den Respekt und die Verehrung zukommen zu lassen, die sie verdient.

übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

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