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Brasiliens Schande in Fussball gegen Deutschland

15/07/2014

 

        Das Halbfinale-Spiel Brasilien gegen Deutschland am 8. Juli in Belo Horizonte endete mit einem verdienten Sieg der deutschen Mannschaft und einer vernichtenden, beschämenden Niederlage des brasilianischen Teams. Sie ist in der hundertjährigen Geschichte des brasiliani-schen Fußballs ohnegleichen. In allen Städten des Landes hatten die Menschen Straßen und Plätze bevölkert, Millionen waren es. Die meisten waren in grün-gelben Nationalfarben gekleidet; sie verbreiteten nationale Euphorie. Unter keinen Umständen hatten sie sich eine solche Demütigung auch nur im Entferntesten vorstellen können. Doch das Unvorstellbare geschah. Und das hat auch viel mit dem Land und seiner Kultur zu tun.

Es gibt aus meiner Sicht mehrere Gründe für das 1:7-Desaster gegen Deutschland. Auch in Brasilien hatten viele einen deutschen Sieg erwartet. Die deutsche Mannschaft hat, wie andere europäische Mannschaften, das Spiel und seine Strategie modernisiert. In Europa werden die Spieler sorgfältig auf Ausdauer und Geschwindigkeit trainiert. Sie werden auch ständig psychologisch begleitet. Sie werden zweitens so ausgebildet, dass sie auf vielen Positionen spielen können. Und drittens lernen sie, einen starken Teamgeist zu entwickeln. So gibt es in Europa hervorragende Spieler, denen es nicht darauf ankommt, als Stars herauszuragen. Sie wissen, dass sie nur dann gut sind, wenn sie mann- schaftsdienlich spielen und Teamgeist haben.

Arroganz und Überheblichkeit – das sind die wahren Gründe für die furchtbare Niederlage gegen Deutschland. Das war nicht das Brasilien, das wir kennen. Es war aber der Fußball, den die Nationalmannschaft gespielt hat, deren Trainer so in ihrer Arroganz festgefahren waren, dass sie von anderen nichts lernen wollten. Wir verloren durch deren Arroganz und Ignoranz. Wir verloren durch die Übererwartung, durch die falschen Heilsversprechen.

Wie zu erwarten, wurden nach der erschreckenden Niederlage auch Rechtfertigungen geliefert: Mit Neymar, dem Wun- derspieler, und Thiago Silva, dem Abwehrchef, wäre das nicht passiert! Nein, das erklärt gar nichts. Auch wenn elf Neymars auf dem Spielfeld gewesen wären, die Mannschaft aber ungeordnet, wäre das Spiel verloren worden. Wir haben verloren, weil wir schlecht gespielt haben und weil es uns nicht gelungen ist, uns die Errungenschaften anzueignen, die der technische und künstlerische Fußball in vielen Teilen der Welt erreicht hat. Und wir haben keine Mannschaft gebildet.

Persönlich tun mir die „brasileirinhos“ sehr leid, die Fans, die unsere Mannschaft mit Gesängen und Schlachtrufen angefeuert haben. Die meisten fühlen sich nun geradezu verwaist. Für diese ist Brasilien ein vielfältiges und vielfältig gespaltenes Land, das kaum etwas hat, was gut funktioniert. Das Gesundheitssystem ist nur für die Reichen gut, das Bildungssystem ebenso, das Verkehrswesen marode, die Sicherheit schlecht, die Polizei dafür oft brutal.

Wir sind in fast nichts gut. Abgesehen von Karneval, sind wir sind ein gastfreundliches und verspieltes Volk, das bei allem Zorn über die Zustände im Land immer wusste: Wenigstens Fußball können wir spielen. Dies gab dem einfachen Volk Selbstbewusstsein. Jetzt aber können wir noch nicht mal mehr sagen: Wenigstens im Fußball sind wir gut. Natürlich wird das brasilianische Team wieder Spiele gewinnen, wird es großartige brasilianische Fußballer geben. Doch dieser Dienstag, der 8. Juli 2014, wird uns noch lange Jahre als trauriger Tag der Demütigung in Erinnerung bleiben: Deutschland hat uns sieben zu eins besiegt. Weil uns wichtige Tugenden fehlten: Teamgeist, Solidarität, Demut, Lernbereitschaft.

Diese Qualitäten verhalfen den Deutschen zum Sieg über Brasilien. Und die brasilianische Mannschaft? Sie war in aller Munde, sie wurde überhöht. Die ganze Nation schien sich darin einig zu sein, dass wir die Heimat des Fußballs sind, dass wir fünfmal Weltmeister waren und deshalb auch das sechste Mal siegen würden. Haben wir nicht König Pelé und den Kronprinzen Neymar? Die Medien haben Mythen, Heldenfiguren, Halbgötter und Götter geschaffen. Die Euphorie der großen Marketingagenturen hat die Bevölkerung angesteckt. Für die Mehrheit der Brasilianer war der Sieg so gut wie sicher. Was sollte passieren, wo doch das Spiel im eigenen Land ausgetragen wurde?

Die Euphorie, die quasireligiöse Überhöhung haben die Bevölkerung nicht auf das vorbereitet, was für alle Sportarten gilt: Einer gewinnt, und einer verliert. Die Mehrheit hätte sich nicht einmal im Traum vorstellen können, dass Brasilien jemals eine solch demütigende Niederlage würde hinnehmen müssen. Der Sieg wurde vorgefeiert, die Juchee-Juchee-Rufe schon vor dem Anstoß angestimmt. Auch, weil in einem sozial, kulturell und politisch so gespaltenen Land wie Brasilien der Fußball zu einer Art ziviler Religion wird, der alle anhängen, über alle Gräben hinweg.

Diese Selbstüberschätzung begünstigte die Fehler, die Luis Felipe Scolari machte, der Trainer der brasilianischen National- elf. Dank der siegreichen Vergangenheit fühlte sich die Mannschaft so sehr überlegen. Jeder Spieler möchte seine Solo-Nummer hinlegen. Der Teamgeist bleibt auf der Strecke.

Er glaubte, nichts von den anderen Teams lernen zu müssen. Der brasilianische Fußball hat sich auf seinen Lorbeeren ausgeruht und jede Demut vergessen, die man braucht, wenn man etwas lernen will. Währenddessen entwickelte sich in Europa, aber auch in Lateinamerika, das Spiel weiter, in Kolumbien zum Beispiel oder in Costa Rica. Neue Taktiken kamen ins Repertoire und neue Aufstellungsvarianten. Nichts davon fand aber die Zustimmung der brasilianischen Trainer, insbesondere nicht die des große Felipe. Er ist eine paternalistische Figur, streng, aber gü- tig, von den Spielern geliebt und im Allgemeinen vom Publikum geachtet. Er hielt jedoch an den Strategien fest, die in der Ver- gangenheit zum Erfolg geführt hatten, in der Gegenwart aber nicht mehr halfen.

Die Niederlage hat darüber hinaus mit dem traditionellen und erbitterten Individualismus der Spieler zu tun, dem Trainer Scolari keinen Einhalt geboten hat. Jeder Spieler möchte eine Solonummer hinlegen, auch um seine Position bei eventuellen Verhandlungen mit großen ausländischen Mannschaften zu verbessern. Es ist ihm ferner nicht gelungen, eine Mannschaft mit Teamgeist zu entwickeln, bei der die Gruppe zählt und die Spieler mannschaftsdienlich spielen. Er ließ die Spieler vagabundieren. So bildeten sich die unverzeihlichen Lücken auf dem Spielfeld, die dann Deutschlands Spieler trefflich zu nutzen wussten. Und irgendwann hatte man den Eindruck, da spiele ein Vorstadtverein gegen eine bekannte und internationale Fussbalmannschaft.

Die deutsche Nationalmannschaft verdient Lob dafür, dass sie ihren Sieg diskret gefeiert, dass sie sich nicht mit ihm gebrüstet hat. Auch deshalb haben ihnen am Ende die Brasilianer applaudiert.

Leonardo Boff, der an der UNI 1970 promoviert hat.

Veröffentlicht in Süddeutsche Zeitung  Freitag, 11. Juli 2014

 

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