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Herausforderungen der Großen Transformation (I)

18/08/2014

Die Große Transformation besteht aus dem Übergang von einer Marktwirtschaft zu einer Marktgesellschaft. Oder, anders ausgedrückt, von einer Gesellschaft mit Markt zu einer Gesellschaft, die ausschließlich aus Markt besteht. Märkte gab es schon immer in der Geschichte der Menschheit, doch es gab noch nie eine Marktgesellschaft, die die Ökonomie zur einzigen Achse macht, um die sich das ganze soziale Leben dreht und die sich die Politik unterordnet und die Ethik aufhebt. Alles ist käuflich, selbst das Sakrale.

Es geht nicht einfach um irgendeine Art von Markt. Es handelt sich um einen Markt, der von der Konkurrenz bestimmt ist, nicht von der Kooperation. Was zählt sind der individuelle Profit oder der der Konzerne, nicht das Gemeinwohl der Gesellschaft als ganzer. Profite werden im allgemeinen zu Lasten der Natur und zum Preis ihrer Zerstörung als auch durch das perverse Fördern sozialer Ungleichheiten gemacht. In diesem Sinne ist die wissenschaftliche Arbeit von Thomas Pikettys mit dem Titel „Kapital im XXI. Jahrhundert“ unwiderlegbar.

Der Markt muss frei sein, folglich weist er Kontrollen zurück und sieht den Staat als größtes Hindernis, dessen Aufgabe, wie wir wissen, darin besteht, die Gesellschaft und den Bereich der Wirtschaft mit Hilfe von Gesetzen und Normen zu ordnen und die Suche nach dem Gemeinwohl zu koordinieren. Die Große Transformation postuliert einen minimalistischen Staat, der praktisch auf Fragen zur Infrastruktur und der so gering wie möglich gehaltenen Finanzverwaltung sowie auf Fragen zur Sicherheit beschränkt wird. Alles andere muss vom Markt erbeten werden, der sich dafür bezahlen lässt.

Der Drang danach, alles zur Ware zu machen, hat alle Bereiche der Gesellschaft durchdrungen: Gesundheit, Bildung und Sport, die Welt der Kunst und der Unterhaltung und sogar wichtige religiöse Bereiche und die Kirchen. Religionen und Kirchen übernehmen die Logik des Marktes, die Kreation einer enormen Masse an Konsumenten und symbolischen Gütern. Diese Kirchen sind arm im Geiste, doch reich im Sinne von Gelderwerb. Es ist nicht selten, dass ein Tempel und eine Einkaufspassage nebeneinander im selben Einkaufszentrum bestehen. Es geht immer um dasselbe: Einkünfte zu erlangen, sei es durch materielle oder durch „spirituelle“ Güter.

Der ungarisch-nordamerikanische Wirtschaftshistoriker Karl Polanyi (1886-1964) studierte diesen zerstörerischen Prozess im Detail. Polanyi prägte den Begriff Die Große Transformation, der Titel eines seiner Bücher, das er 1944 vor Ende des 2. Weltkriegs schrieb. Zu seiner Zeit fand das Buch keine große Beachtung. Heute, da seine Thesen sich mehr denn je bestätigt sehen, wurde das Buch zur Pflichtlektüre für alle, die verstehen wollen, was im Bereich der Ökonomie geschieht, was in allen Bereichen menschlicher Aktivität Widerhall findet, einschließlich der religiösen Aktivität. Man geht davon aus, dass Papst Franziskus sich von Polanyi inspirieren ließ, als er das aktuelle Vermarkten von allem, selbst von Menschen und ihrer Organe, verurteilte.

Diese Art und Weise, die Gesellschaft rund um die ökonomischen Interessen zu organisieren, hat die Menschheit von oben bis unten gespalten: eine enorme Schere hat sich geöffnet zwischen den wenigen Reichen und den vielen Armen. Eine grausame soziale Ungerechtigkeit wurde hergestellt mit einer Vielzahl an ausgegrenzten Menschen, die als unökonomisch erachtet werden, verbranntem Öl, Menschen, für die der Markt sich nicht mehr interessiert, da sie sehr wenig produzieren und fast nichts konsumieren.

Gleichzeitig hat die Große Transformation der Marktgesellschaft eine gefährliche soziale Ungerechtigkeit hervorgebracht. In ihrem Anhäufungs-Eifer wurden die Naturgüter und -ressourcen auf äußerst räuberische Weise ausgebeutet, wobei ganze Ökosysteme verwüstet wurden, die Erde kontaminiert wurde sowie Wasser, Luft und Lebensmittel ohne sich über ethische, soziale oder hygienische Belange Gedanken zu machen.

Ein solches Projekt, das auf unbegrenztes Anhäufen abzielt, kann von einem begrenzten, kleinen, alten und kranken Planeten nicht getragen werden. Auch ein systemisches Problem ist erstanden, das Ökonomen, die diese Art des Wirtschaftens befürworten, selten bedenken: Die physikalisch-chemisch-ökologischen Grenzen des Planeten Erde sind bereits erreicht worden. Diese Tatsache erschwert das beständige Wachstum des Systems, wenn es dieses nicht sogar unmöglich macht, denn es erfordert eine Erde voller Ressourcen (Güter und Dienstleistungen oder „großzügige Geschenke“ in der Sprache der indigenen Völker).

Wenn wir diesen Weg weiter verfolgen, können wir erleben, wie es bereits geschieht, dass die Erde darauf mit Gewalt reagiert. Als eine sich selbst regulierende, lebende Entität, reagiert die Erde auf Aktionen, die ihre Fähigkeit schwächen, ihr Gleichgewicht zu erhalten, mit extremen Ereignissen, Erdbeben, Tsunamis, Orkanen und einem völligen Fehlen von Klima-Regulierung.

Diese Transformation erweist sich durch ihre eigene interne Logik als zerstörerisch für das Leben, das Ökosystem und die Umwelt. Es zerstört systematisch die Basis, die das Leben erhält. Das Leben ist in Gefahr, und so könnte, sei es durch die bestehende Aufrüstung an Massenvernichtungsmitteln oder durch das ökologische Chaos, die menschliche Spezies von der Erde verschwinden. Das könnte die Konsequenz unserer Verantwortungslosigkeit sein und von unserem völligen Mangel an Achtsamkeit für alles, was lebt und existiert.

 

Bettina Gold-Hartnack

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