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Die Wahlen im Licht der gegen das Volk gerichteten Geschichte

27/10/2014

Die aktuellen Wahlen lassen sich aus keinem besseren Blickwinkel beobachten als aus dem der brasilianischen Spannungsgeschichte zwischen den Eliten und dem Volk. Dazu möchte ich den folgenden Beitrag hinzuziehen, der von einem ernstzunehmenden Historiker stammt, Pater José Oscar Beozzo. Er hat in Rom, Löwen und an der USP von São Paulo studiert und ist einer der brillantesten Denker unseres Klerus.

Beozzo schreibt: “Die grundlegende Frage in unserer Gesellschaft ist das Recht auf Leben der an den Rand Gedrängten, das stets durch die entsetzliche Ungleichheit im Zugang zum Lebensnotwendigen bedroht ist und durch die kargen Möglichkeiten, die der großen Mehrheit der Unterschicht zugänglich sind.

Wie Caio Prado Junior uns lehrt, ruht unsere ungleiche Gesellschaft auf vier Pfeilern, die nur schwer zu bewegen sind: a) der Landbesitz konzentriert sich auf Wenige, sodass es kein “freies” oder “verfügbares“ Land für diejenigen gibt, die es bearbeiten, oder für diejenigen, die seine ursprünglichen Besitzer waren, die indigenen Völker; b) die vorherrschende Monokultur; c) die Fokussierung der Produktion auf den Export (Zucker, Tabak, Baumwolle, Kaffee, Kakao und jetzt auch Soja); d) das Wesen der Sklavenarbeit.

Die Unabhängigkeit von Portugal hat an keinem dieser Pfeiler gerüttelt. Diejenigen, die damals von einem anderen Brasilien träumten, schlugen einen Wechsel vor von Großgrundbesitz zu kleinerem Landbesitz für diejenigen, die es bearbeiteten; von Monokultur zu Polykultur, von der Produktion für den internationalen Markt hin zur Produktion für den lokalen Bedarf und zur Bedarfsdeckung für den heimischen Markt; von Sklavenarbeit zu freier Familienarbeit. Dies hätte in den kleinen Regionen am Rande der tropischen Monokulturen umgesetzt werden können, in den Gebirgszügen der Gaucha und Catarinense, mit deutschen, italienischen und polnischen Siedlern und in einer demokratischeren Form von Eigentum.

Die großen Sklavenbesitzer waren strikt gegen all diese Maßnahmen, und mit Feuer und Schwert schlugen sie den Aufstand des Volkes nieder, das versuchte, die Wirtschaft, die Politik und vor allem die Arbeitsverhältnisse zu demokratisieren. Es genügt, an einige dieser Revolten zu erinnern: der Aufstand der Malês-Sklaven in Bahía, der Balayade in Maranhão, der Cabanagem im Amazonasgebiet, die Playera-Revolte in Pernambuco und der Farroupilha im Süden.

Die Revolution von 1930 mit ihren nationalistischen Tendenzen bewegte, wenn auch nur teilweise, die Achse des Landes von den ausländischen Märkten hin zum Binnenmarkt; vom Modell der Agrarexporte hin zur Importsubstitution; von der Dominanz der Kaffee exportierenden Eliten des Minas/São Paulo Vertrags hin zu neuen Leitern im Produktionsbereich für den Binnenmarkt wie beispielsweise von Reis und Dörrfleisch von Rio Grande del Sur; vom eingeschränkten Wahlrecht zum „universellen“ Wahlrecht (ausgenommen waren Analphabeten, die immer noch die große Mehrheit der Erwachsenen zu dieser Zeit bildeten), vom ausschließlich männlichen Wahlrecht hin zur Ausdehnung des Wahlrechts auch für Frauen; von Arbeitsverhältnissen, die nur durch die Herrschaftsmacht diktiert wurden, hin zu Regulierungen zumindest im industriellen Sektor mit der Einführung eines Arbeitsministers und von Arbeitsgesetzen, die sich auf die Arbeiterklasse bezogen. Die unvermeidliche Dominanz der Grundbesitzer innerhalb ihres Besitzes konnte nicht durch Arbeitsgesetze berührt werden, die erst nach 1964 mit dem Landarbeitsstatut aufkamen.

Getulio errichtete eine Beschwichtigungspolitik innerhalb der Gesellschaftsklassen und eine Politik der „Kooperation“ zwischen Kapital und Arbeit, den Arbeitern und den Industriebossen, die sich an der Industrialisierung und der Verteidigung nationaler Interessen orientierte.

In der aktuellen Wahlkampagne kreierten gewisse Medien den Slogan “PT raus”. Sie streben danach, die Diktatur der PT zu beenden und die „Diktatur des Finanzmarkts“ wiederherzustellen. Woran stören sie sich wirklich? An der Korruption und dem „mensalón” ?

So, wie ich das sehe, stören sie sich an den demokratisierenden Maßnahmen, ungeachtet all ihrer Einschränkungen, wie Pro-Uni, die Quoten in den Universitäten für diejenigen Studenten, die aus den öffentlichen Schulen und nicht aus besonderen Colleges stammen; die Quoten für diejenigen, deren Großeltern aus dem Warenhaus der Sklaverei abstammen; die immer noch unzureichende Agrarreform; die Begrenzung und offizielle Sanktionierung zusammenhängender Gebiete von Yanomami, dem sich ein halbes Dutzend Reisproduzenten entgegenstellen, die durch das Agro-Business und einem einmütigen Chor von Grundbesitzern unterstützt werden; und all die Sozialprogramme wie Bolsa Familiar, Licht für alle, Mein Haus, Mein Leben, Mehr Ärzte u. a.

Diese Kritiker hatten keine Probleme damit, dass der Staat die Studiengebühr junger Studenten aus reichen Familien übernahm, deren Kinder eine gute Bildung in Privatschulen erhielten, wodurch es für sie leichter war, Zugang zur freien Bildung an den öffentlichen Universitäten zu erhalten, was die Chancenungleichheit nur noch vertiefte. Für Kurse in Medizin zahlt der Staat 6 000 bis 7 000 Reais pro Monat. Diese Familien protestierten nie gegen die „Zuwendungen“ für die Reichen, die sie eher als ihr „Recht“ ansahen, das ihnen zustehe, statt als ein pures und skandalöses Privileg. Dies sind dieselben Ärzte, die sich weigern, im Landesinneren zu praktizieren oder in den Favelas, in denen es keinen einzigen Arzt gibt.

Diejenigen, die ihre Stimme erheben und sagen, alles im Land gehe bergab trotz der Verbesserungen beim Mindesteinkommen, der Schaffung von Millionen von Arbeitsplätzen, der Ausdehnung der Sozialpolitik für die Ärmsten, der Schaffung des Programms Mehr Ärzte, lehnen die Politik der PT ab, die bestrebt ist, die Rechte ihrer Bürger zu sichern, die Demokratisierung der Gesellschaft voranzubringen, gegen Privilegien anzukämpfen und vor allem den Profiten und der Diktatur des Finanzkapitals und des „Markts“ Grenzen (unzureichende, wie ich finde) zu setzen.

Aus diesem Grund stimme ich für ein anderes Staatsmodell, das den Bedürfnissen nachkommt, die der großen Mehrheit immer versagt geblieben sind. Aus diesem Grund wählte ich Dilma im ersten Wahlgang, und so werde ich es auch im zweiten tun und die anderen Optionen respektieren.“

Dieser Interpretation schließe ich mich an, ebenso der Wahl für Dilma Rousseff.

Übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

 

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