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Intoleranz im heutigen Brasilien und in der Welt

01/02/2015

Der jüngste Mord an den Karikaturisten von Charlie Hebdo in Frankreich und die letzten Wahlen in Brasilien zeigten einen latenten Umstand der brasilianischen Kultur und der Welt auf: Intoleranz. Ich will mich hier auf die Intoleranz in der brasilianischen Kultur beschränken, denn mein voriger Artikel handelte von dem, was sich in den Mordanschlägen bei Charlie Hebdo gezeigt hat. Die brasilianische Intoleranz ist Teil dessen, was Sérgio Buarque de Holanda als „vom Herzen kommend“ bezeichnete in dem Sinn, dass Hass und Vorurteile ebenso wie Gastfreundschaft und Sympathie vom Herzen kommen. Doch eher als „vom Herzen kommend“ würde ich es im Fall von Brasilien als „passioniert“ bezeichnen.

Was die letzte Wahlkampagne zeigte, war „vom Herzen kommend-passioniert“ in Form von Klassenhass (Verachtung der Armen) und Rassendiskriminierung (Schwarze und die aus dem Norden Stammenden). Arm zu sein oder schwarz oder aus dem Norden zu stammen wurde als ein Manko angesehen. Daher rührt das absurde Verlangen einiger, Brasilien in den „reichen“ Süden und den „armen“ Nordosten aufzuteilen. Dieser Klassenhass leitet sich vom Archetypus von La Casa Grande und von Senzala her, der in manchen sozialen Bereichen fortbesteht und treffend von einer reichen Dame aus Salavador zum Ausdruck gebracht wurde: „Die Armen geben sich nicht mehr zufrieden mit der Stillung der Grundbedürfnisse einer Familie; nun wollen sie auch noch Rechte.“ Dem liegt die Einstellung zugrunde, dass, wenn sie zuvor Sklaven waren, sie alles kostenlos tun sollten, als wäre die Sklaverei nie abgeschaffen worden gegeben und als ob es keine Rechte gäbe. Homosexuelle und andere LGBT-orientierte Personen werden sogar in öffentlichen Debatten von Kandidaten beleidigt, welche eine unerträgliche Intoleranz an den Tag legten.

Um Intoleranz besser zu verstehen, müssen wir tiefer bis in den Kern des Problems vordringen. Die heutige Realität ist durch und durch widersprüchlich und komplex, denn sie ist die Konvergenz der unterschiedlichsten Faktoren. Darin finden sich das ursprüngliche Chaos und Kosmos (Ordnung), Licht und Schatten, das Sym-bolische und das Dia-bolische. Tatsächlich sind diese keine Konstruktionsfehler, sondern die tatsächliche Bedingung der Fülle, die im Universum besteht. Dies zwingt zu universeller Koexistenz mit Unterschieden und Unvollkommenheiten und zu Toleranz mit denjenigen, die nicht so denken und handeln wie wir. In klaren Worten ausgedrückt: dies sind zwei gegensätzliche Pole, doch Pole einer einzigen und einzigartigen dynamischen Realität. Diese Polaritäten können nicht aufgehoben werden. Alle Versuche, sie aufzuheben, führen zu Terror durch diejenigen, die meinen, im Besitz der Wahrheit zu sein, und die versuchen, diese Wahrheit Anderen aufzuzwingen. Der Exzess von Wahrheit wird dann schlimmer als ein Irrtum es sein könnte.

Was jede und jeder (und die Gesellschaft) wissen muss, ist wie sich ein Pol vom anderen unterscheidet und wie man eine Wahl trifft. Menschen erscheinen als ethische Wesen, wenn sie Verantwortung für ihre Taten und für deren Konsequenzen übernehmen.

Man könnte meinen, dann wäre alles gut, und sich fragen, ob es nun keine Unterschiede mehr gibt. Es ist nicht so, dass alles gut wäre und dass alle Unterschiede aufgehoben wären. Unterschiede müssen gemacht werden. Unkraut ist Unkraut und kein Weizen. Weizen ist Weizen und nicht einfach Unkraut. Der Folterer kann nicht dasselbe Schicksal haben wie der Gefolterte. Die Menschen dürfen nicht der Gleichmacherei verfallen und diese beiden verwechseln. Die Menschen müssen urteilsfähig sein und Entscheidungen treffen können.

Um Koexistenz zu erreichen, ohne diese Prinzipien zu verwechseln, müssen wir die Toleranz in uns stärken. Toleranz ist die Fähigkeit, in positiver Weise diese schwierige Koexistenz aufrecht zu erhalten und die Spannung zwischen den Polen auszuhalten, im Wissen, dass sie sich gegenüber stehen, doch dass sie Teil einer einzigen dynamischen Realität sind. Selbst wenn sie sich gegenüber stehen, sind sie doch zwei Seiten desselben Ganzen, wie links und rechts.

Das aktuell bestehende Risiko ist die Intoleranz. Intoleranz verkleinert die Realität, denn sie akzeptiert nur einen Pol und verleugnet den anderen. Intoleranz zwingt jede und jeden dazu, den einen Pol anzunehmen und den anderen auszulöschen, so wie der Islamische Staat und al-Quaida es auf kriminelle Weise tun. Fundamentalismus und Dogmatismus halten ihre Wahrheiten für absolut. Daher verurteilen sie sich selbst zu Intoleranz und weder anerkennen noch respektieren sie die Wahrheit Anderer. Ihre erste Handlung besteht darin, die Meinungsfreiheit und Pluralismus zu unterdrücken und ihre einzigartige Denkweise Anderen aufzuzwingen. Anschläge wie der in Paris haben ihre Wurzel in dieser Intoleranz.

Passive Toleranz muss allerdings vermieden werden, d. h. die Haltung, dass man die Existenz des anderen akzeptiert, nicht weil man das so möchte, sondern weil es nicht anders geht.

Stattdessen muss zu aktiver Toleranz ermutigt werden, die aus Koexistenz besteht mit einer Haltung aus positivem Zusammensein mit dem Anderen, und zwar aus Respekt und im Bewusstsein, dass das Anderssein einen Wert besitzt, der uns selbst bereichern kann.

Toleranz ist vor allem eine ethische Erfahrung. Toleranz repräsentiert das Recht aller so zu sein, wie sie sind, und weiterhin so zu bleiben. Dieses Recht wurde universell in der goldenen Regel formuliert: „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu.“ Oder positiv ausgedrückt: „Was ihr wollt, das andere euch tun, das tut auch ihnen.“ Dies ist ein einleuchtendes Prinzip.

Im Grunde lässt sich die Wahrheit, die in der Toleranz liegt, folgendermaßen zusammenfassen: Jede Person hat ein Recht auf Leben und auf Koexistenz auf dem Planeten Erde. Alle haben ein Recht, hier zu sein mit ihren je eigenen Unterschieden. Dieses Recht geht jeder Ausdrucksweise von Leben als eine Weltsicht, Glaube oder Ideologie voraus. Dies ist die große Schwierigkeit der europäischen Gesellschaften: der Mangel an Akzeptanz des Anderen, sei er ein Araber, Moslem oder Türke, und in der brasilianischen Gesellschaft ist es der Mangel an Akzeptanz des Nachkommens von Afrikanern, der aus dem Norden Stammenden, der Indigenen. Gesellschaften müssen so organisiert sein, dass sich per Recht jede und jeder einbezogen fühlen kann. Auf diese Weise entsteht Frieden, der, gemäß der Erd-Charta „die Gesamtheit dessen ist, das geschaffen wird durch rechte Beziehungen zu sich selbst, zu anderen Personen, anderen Kulturen, anderen Lebewesen, der Erde und dem größeren Ganzen, zu dem alles gehört“ (Nr. 16f).

Die Natur lehrt uns die wichtigste Lektion: Ganz gleich, wie verschieden die Lebewesen auch sind; sie alle koexistieren und kreieren die Komplexität der Wirklichkeit und die herrliche Vielfalt des Lebens.

übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

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