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Volk: auf der Suche nach einer Begrifflichkeit

18/02/2015

Es gibt wenige Begriffe, die in unterschiedlicheren Zusammenhängen verwendet werden, als das Wort “Volk”. Seine Bedeutung ist so fließend, dass Sozialwissenschaftler wenig davon halten und bevorzugen, von „Gesellschaft“ oder von „sozialen Klassen“ zu sprechen. Doch, wie Ludwig Wittgenstein sagt, „ist die Bedeutung eines Wortes von seinem Gebrauch abhängig“. Unter uns gesagt: Diejenigen, die das Wort „Volk“ in einem positiveren Sinne verwenden, sind die, die sich für das Geschick der niederen Klassen, des „Volkes“, interessieren.

Wir wollen versuchen, dem Begriff „Volk“ einen analytischen Inhalt zu verleihen, sodass sein Gebrauch denjenigen dient, die sich von der Gesellschaft ausgeschlossen fühlen und „Volk“ sein möchten.

Die erste philosophisch-soziale Bedeutung hat ihre Wurzeln im klassischen Denken der Antike. Zuerst Cicero, dann der Hl. Augustinus und der Hl. Thomas von Aquin bekräftigten, dass “das Volk nicht einfach nur eine Ansammlung von Männern ist, sondern die Vereinigung Vieler um einen Konsens über die richtigen und gemeinsamen Interessen“. Es ist der Staat, der die unterschiedlichen Interessen miteinander auf einen Nenner bringen muss.

Eine zweite Bedeutung des Begriffs „Volk“ stammt aus der kulturellen Anthropologie: Es ist die Bevölkerung, die Teil einer gegebenen Kultur ist und ein gegebenes Territorium bewohnt. So viele Kulturen es gibt, so viele Völker gibt es. Diese Bedeutung ist legitim, denn sie unterscheidet ein Volk vom anderen: ein bolivianischer Quechua unterscheidet sich von einem brasilianischen. Doch dieses Verständnis von „Volk“ verdeckt Unterschiede und sogar interne Widersprüche: sowohl ein Großgrundbesitzer als auch ein armer Tagelöhner, der auf dessen Land lebt, sind Teil des „Volks“. Doch in einem modernen Staat ist die Gewalt nur legitim, wenn sie im „Volk“ verankert ist. Aus diesem Grund heißt es in der Verfassung, dass „alle Gewalt vom Volk ausgeht und im Namen des Volkes ausgeübt werden muss.

Eine dritte Bedeutung ist der Schlüssel zur Politik. Politik ist das vereinte Streben nach dem Gemeinwohl (die gebräuchliche Bedeutung) oder die Aktivität, die die Staatsgewalt anstrebt, um die Gesellschaft zu verwalten (besondere Bedeutung). Wenn es aus dem Munde der Politiker kommt, ist das Wort „Volk“ sehr zweideutig. Einerseits steht es für die undifferenzierte Gesamtheit der Mitglieder einer gegebenen Gesellschaft (populus), andererseits bezeichnet es die marginalisierten und im Allgemeinen ungebildeten Armen (plebs = das gemeine Volk). Wenn Politiker sagen, sie gehen zum Volk, sprechen zum Volk und handeln zum Vorteil des Volks, dann denken sie meistens an die Armen.

Hier haben wir eine Aufspaltung zwischen der Mehrheit und ihren Führern oder zwischen den Massen und den Eliten. Wie Nelson Werneck Sodre sagte: „Einer geheimen Intuition gemäß fühlt sich jeder umso mehr dem Volk zugehörig, je bescheidener ist. Er besitzt nichts, und daher ist er stolz, dem „Volk“ anzugehören“ (Einführung in die brasilianische Revolution, 1963, S. 188). Beispielsweise fühlen sich unsere brasilianischen Eliten nicht dem Volk zugehörig. Vor seinem Tod im Jahr 2013 sagte Antoinio Ermirio de Moraes: „Die Eliten denken nie an das Volk; sie denken nur an sich selbst.“ Darin liegt das Problem.

Es gibt eine vierte Bedeutung für den Begriff “Volk”, die aus der Soziologie stammt. Hier bedarf es einiger Genauigkeit des Begriffs, um nicht in Populismus zu verfallen. Ursprünglich hatte er eine politisch-ideologische Bedeutung, in einem Ausmaß, dass er die internen Konflikte von Personengruppen verdeckte, die aus unterschiedlichen Kulturen, sozialen Status und verschiedenen Projekten kommen.

Diese Bedeutung ist nur von geringem analytischem Wert, denn sie ist zu allumfassend, auch wenn sie am häufigsten in der Sprache der Massenmedien und der Machthabenden benutzt wird.

Soziologisch gesehen ist „Volk“ ebenfalls eine historische Kategorie zwischen der Volksmasse und den Eliten. In einer kolonialisierten Klassengesellschaft ist das Konzept von Elite klar: Es handelt sich dabei um diejenigen, die mächtig sind, etwas besitzen und über Bildung verfügen. Die Elite hat ihr Ethos, ihre Gewohnheiten und ihre Sprache. Im Gegensatz zur Elite stehen die Einheimischen, die weder volle Bürgerrechte besitzen noch ihre eigenen Pläne umsetzen können. Sie verkörperten unbewusst die Pläne der Eliten und setzten sie um. Die Eliten sind Experten im Manipulieren des „Volkes“: Dies ist Populismus. Das „Volk“ wird als ein unterstützender Akteur in einem Projekt aufgenommen, das die Eliten zu ihrem eigenen Vorteil erdacht haben.

Doch es gibt immer Hemmschwellen im Prozess der Hegemonie oder der Klassenbeherrschung: Aus den Massen tauchen allmählich charismatische Anführer auf, die soziale Bewegungen mit ihrer eigenen Vision für das Land und dessen Zukunft organisieren. Sie hören auf, „Volksmassen“ zu sein, und beginnen, relativ autonome und aktive Bürger zu werden. Neue Gewerkschaften entstehen, Landlosenbewegungen, Bewegungen für die Obdachlosen und die Frauen, die Afrika-Stämmigen, die Indigenen u. a. Das „Volk“ ist nicht länger von den Eliten abhängig. Es entwickelt ein eigenes Bewusstsein, einen anderen Plan für sein Land. Es lehrt die Menschen, Widerstand auszuüben und die gängigen sozialen Beziehungen zu verwandeln. Auf diese Weise wird das „Volk“ geboren als das Ergebnis der Entwicklung der Bewegungen und der aktiven Gemeinschaften. Dies ist die neue Realität in Brasilien und in Lateinamerika in den letzten Jahrzehnten, die nun kulminiert in neue Demokratien populären und republikanischen Charakters. Ein Führer der neuen politischen Partei „We can“ in Spanien drückte dies treffend aus: „Nicht das Volk produzierte den Aufstand, sondern der Aufstand produzierte das Volk“ (Le Monde Diplomatique, Januar, S. 16).

Jetzt können wir mit einiger begrifflichen Genauigkeit sprechen: Ein “Volk” entsteht hier, und zwar in dem Ausmaß, dass es ein Bewusstsein und seine eigene Vision für das Land hat. „Volk“ hat auch eine axiologische Dimension: Alle sind aufgerufen, Volk zu sein: weder dominiert zu werden, noch zu dominieren, sondern bürgerliche Akteure einer Gesellschaft, an der alle teilhaben können.

übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

 

 

 

4 Comentários leave one →
  1. Paulo de Carvalho Custódio Vieira permalink
    18/02/2015 23:53

    Ihre geschribene Worten sind fuer mich wie eine “Gottesgabe” und so goenne, dass Sie bei uns sehr lang bleiben und weiter schreiben.
    Gott erhalten Leonardo Boff, unsern guten Leonardo …👏👏👏👏👏

  2. dani sperber permalink
    19/02/2015 7:30

    gostaria de ler o texto em português.

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