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Wodurch wir der Kultur des Kapitals Fortbestand verleihen

26/05/2015

Im vorangehenden Artikel „Die kapitalistische Kultur ist lebens- und glücksfeindlich“ ging es uns darum, in der Theorie aufzuzeigen, dass alle Kraft für deren Fortbestand und Reproduktion in der Bekräftigung des einen Aspekts unserer Natur liegt, nämlich der Selbstbestätigung, der Stärkung des Egos, so dass sie weder verschwindet noch durch andere Kulturen assimiliert wird. Doch dieser Ansatz verkleinert oder leugnet sogar einen anderen, ebenfalls natürlichen Aspekt, nämlich den der Integration des Selbst und des Individuums in ein Ganzes, in die Spezies, die es repräsentiert.

Dies reicht jedoch noch nicht aus, um diese Überlegung abzuschließen. Neben der ersten Feststellung muss noch eine andere Kraft benannt werden, die den Fortbestand der kapitalistischen Kultur sicherstellt. Es ist die Tatsache, dass wir, die Mehrheit der Gesellschaft, die „Werte“ und den grundlegenden Zweck des Kapitalismus, nämlich die beständige Profitsteigerung, verinnerlicht haben, die den unbegrenzten Konsum von materiellen Gütern erlaubt. Diejenigen, die nicht besitzen, möchten besitzen. Diejenigen, die besitzen, möchten mehr besitzen. Und diejenigen, die mehr besitzen, sagen: „Es gibt nie genug.“ Und für die überwiegende Mehrheit sind Wettbewerb – nicht Solidarität – und die Übermacht des Stärkeren über allen anderen Werten in sozialen Beziehungen, vor allem im Geschäftlichen, vorherrschend.

Der Schlüssel zur Aufrechterhaltung der Kultur des Kapitals ist die Konsumkultur, die des ständigen Kaufens neuer Produkte: ein neues Smartphone mit noch mehr Apps, ein noch ausgefeilterer Computer, ein Paar Schuhe oder Kleidung in neuem Stil, mehr Kredite auf der Bank, um das Kaufen und Konsumieren zu erleichtern, die unkritische Aufnahme von Produktwerbung etc.

Eine Mentalität ist entstanden, für die all diese Dinge als selbstverständlich hingenommen werden. Auf Partys unter Freunden oder in der Familie und in den Restaurants isst man sich satt, während zur selben Zeit in den Nachrichten von Millionen hungernden Menschen die Rede ist. Nicht vielen fällt dieser Widerspruch auf, denn die Kultur des Kapitals lehrt uns, uns zuerst um uns selbst zu kümmern und uns nicht um die anderen oder um das Gemeinwohl zu sorgen. Dies, wie wir bereits oft erwähnten, ist schon seit langer Zeit so.

Doch es reicht nicht aus, die Konsumkultur zu kritisieren. Wenn es sich um ein systemisches Problem handelt, müssen wir ein anderes System voranbringen, eines, das antikapitalistisch ist, sich nicht um die Produktion dreht und sich gegen unbegrenztes lineares Wachstum wendet. Dem kapitalistischen Credo: „Es gibt keine Alternative“ müssen wir ein humanistisches Credo entgegensetzen: „Es gibt eine Alternative“.

Alternativen können überall gefunden werden. Ich werde hier nur drei Beispiele nennen: das Konzept des „guten Lebens“ der Andenvölker, das seit Jahrhunderten Bestand hat, ungeachtet der vielen Versuche, es zu zerstören, zu unterwerfen oder zu assimilieren; doch das einige Sektoren der Gesellschaft kürzlich anzuerkennen und zu schätzen gelernt haben um seiner Wohltaten für die Menschheit willen, einschließlich der Harmonie und des Gleichgewichts unter all den Bereichen der Familie, innerhalb der Gesellschaft (Gemeinschafts-Demokratie), mit der Natur (dem Wasser, der Erde, den Landschaften) und mit Pacha-Mama, der Mutter Erde. Die Ökonomie der Andenvölker ist nicht durch Akkumulation geprägt, sondern durch die Produktion dessen, was für alle ausreichend und vernünftig ist.

Ein zweites Beispiel: der täglich wachsende Öko-Sozialismus. Er steht nicht in Verbindung mit dem zuvor existierenden Sozialismus (bei dem es sich tatsächlich um Staatskapitalismus handelte), sondern stammt von den Idealen des klassischen Sozialismus ab, von Gleichheit, Solidarität, Unterwerfung des Wechselkurses unter den Gebrauchswert, gemeinsam mit den Idealen moderner Ökologie. Er wurde glänzend durch Michael Löwy in „Was ist Öko-Sozialismus“ (Qué es el ecosocialismo, Cortez, 2015) vorgestellt, sowie von anderen in diversen Ländern, einschließlich der bedeutenden Beiträge von James O’Connor und Jovel Kovel. Diese sehen Wirtschaft als eine Funktion der sozialen Bedürfnisse und des Bedürfnisses, das Lebenssystem und den Planeten als Ganzes zu beschützen. Die Ziele des demokratischen Sozialismus, nach O’Connor, wären demgemäß demokratische Kontrolle, soziale Gleichheit und die Vorherrschaft des Gebrauchswertes. Löwy fügt hinzu, dass „eine solche Gesellschaft ein kollektives Besitztum der Produktionsmittel voraussetzt, eine demokratische Planung, die eine Gesellschaft dazu führen kann, ihre Ziele von Produktion und Investition zu definieren sowie eine neue technologische Struktur der Produktionskräfte.“ (a.a.O. S. 45-46). Sozialismus und Ökologie haben die gleichen qualitativen Werte wie Kooperation, Verkürzung der Arbeitszeit, um in einem freien Staat koexistieren, kreieren, Kultur und Spiritualität verfolgen und die verarmte Natur wiederherstellen zu können. Dies sind Werte, die nicht auf einen Marktwert reduziert werden können. Dieses Ideal liegt in Reichweite der historischen Möglichkeiten und umfasst Praktiken, die dies vorwegnehmen (wie z. B. bei den Andenvölkern, wie oben beschrieben).

Ein drittes Kulturmodell würde ich den „Franziskanischen Weg“ nennen. Franz von Assisi, den Franziskus von Rom auf seine Weise aktualisiert, ist mehr als ein Name oder ein religiöses Ideal; es ist ein Lebensprojekt, ein Geist und eine Seinsweise. Der Franziskanische Weg versteht Armut nicht als den Zustand, nichts zu besitzen, sondern als die Fähigkeit stets in der Lage zu sein, sich von sich selbst zu lösen und so immer wieder zu geben. Er umfasst die Einfachheit des Lebens, des Konsums als gemeinsame Bescheidenheit, als Sorge für die Bedürftigen, als universelle Verschwisterung mit allen Geschöpfen der Natur, die als Brüder und Schwestern respektiert werden, als Lebensfreude, als die Fähigkeit, zu tanzen und zu singen, sogar provenzalische cantilenae amatoriae, Liebeslieder. In politischer Sprache ausgedrückt würde es sich eher um einen Sozialismus der Angemessenheit und der Genügsamkeit handeln als des Überflusses und folglich ein radikal anti-kapitalistisches Projekt, das sich gegen das Anhäufen materieller Güter richtet.

Sind dies Utopien? Ja, doch sie sind notwendig, um nicht in purem Materialismus zu ertrinken. Sie sind Utopien, aber nach der unausweichlich auf uns zukommenden großen systemischen sozio-ökologischen Krise – eine Reaktion der Erde selbst, die eine solche Zerstörung nicht länger ertragen kann – können sie sich als inspirierende Referenzpunkte erweisen. Diese kulturellen Werte werden ein neues Zivilisations-Experiment voranbringen, und zwar eines, das endlich gerecht, spirituell und menschlich sein wird.

“ubersetzt von Bettina Gold-Hartnack

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