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Die Krise des Lebens und der Selbstverwirklichung

11/09/2015

Von Krise spricht man im Allgemeinen nur als von der Krise der Krise; der Krise der Erde und der Krise des Lebens, das vom Verschwinden bedroht ist, wie Papst Franziskus in seiner Enzyklika über die „Sorge für das Gemeinsame Haus“ aufzeigt. Doch alles im Leben ist von Krise gekennzeichnet: die Krise der Geburt, der Jugend, der Wahl des Lebenspartners, der Berufswahl, des Mittagsdämons, wie Freud die Midlife-Crisis der Menschen in ihren 40er Jahren bezeichnet, wenn uns bewusst wird, dass wir schon den Gipfel erreicht haben und im Abstieg begriffen sind. Und schließlich die große Krise des Todes, wenn wir von Zeit zu Ewigkeit schreiten.

Die vor uns liegende Herausforderung besteht nicht darin, diese Krisen zu vermeiden. Sie sind dem menschlichen Leben eigen. Die Frage besteht darin, wie wir ihnen begegnen: welche Lehre ziehen wir aus ihnen und wie können wir an ihnen wachsen. Der Weg unserer Selbstverwirklichung und unserer Reife als menschliche Wesen führt durch diese Krisen.

Jede Situation ist gut, jeder Ort ist exzellent dazu geeignet, dass wir uns an uns selbst messen und in unsere tiefe Dimension eintauchen und den fundamentalen Archetypus hervorbringen, den wir in uns tragen (die Grundtendenz, die uns stets zu schaffen macht) und der danach drängt, durch uns zum Vorschein zu kommen und seine eigene Geschichte zu machen, die auch unsere wahre Geschichte ist. Hier kann sich niemand von einem anderen vertreten lassen. Jeder von uns ist allein. Dies ist die fundamentale Lebensaufgabe. Doch wer auf dieser seiner Reise gläubig ist, ist nicht mehr allein. Er/sie hat eine persönliche Mitte gefunden, von wo aus sich alle anderen Reisenden finden lassen. Aus Einsamkeit wird dann Solidarität.

Die Geographie der spirituellen Welt unterscheidet sich von der der physikalischen Welt. In der Geographie der physikalischen Welt berühren die Länder einander an ihren Grenzen. In der anderen Geographie berühren Menschen einander durch ihre persönliche Mitte. Gleichgültigkeit, Mittelmäßigkeit, Mangel an Leidenschaft auf der Suche nach unserem tiefen Ich distanzieren uns von unserer Mitte und der der anderen, und darum verlieren wir die Verbundenheit, selbst wenn wir diesen anderen nahe sind, uns unter ihnen befinden und versuchen, ihnen zu Diensten zu sein.

Welches ist der beste Dienst, den ich anderen anbieten kann? Ich selbst zu sein, als ein Beziehungs-Wesen und daher stets mit anderen verbunden, ein Wesen, das sich für das Gute für sich und für die anderen entscheidet, das sich von der Wahrheit leiten lässt, das liebt und Mitgefühl und Mitleid empfindet.

Persönliche Verwirklichung besteht nicht in der Menge von persönlichen Fähigkeiten, die wir erwerben können, sondern in deren Qualität, in der Art und Weise, wie wir versuchen, das, was unser Leben gerade von uns verlangt, gut zu tun. Die Quantifizierung, das Streben nach Titeln, nach endlosen Auszeichnungen, könnte in vielen persönlichen Fällen Flucht vor der Begegnung mit unserer eigentlichen Lebensaufgabe bedeuten: uns mit uns selbst zu messen, mit unseren Wünschen, unseren Beschränkungen, unseren Problemen, mit unseren positiven und negativen Seiten und diese auf kreative Weise in unser Leben zu integrieren. Die Anhäufung von bedeutungslosem Wissen, das uns nur noch arroganter macht und uns von den anderen distanziert, zu vermeiden, ist, was uns reifer werden lässt und uns ermöglicht, uns und die Welt besser zu verstehen. Es sind ihre eigenen Worte, die die Menschen verraten, welche sagen: „ICH bin es, der weiß; ICH bin es, der es tut; ICH bin es, der entscheidet.“ Es ist immer das ICH und niemals das UNS oder die Sache, in der man sich mit anderen im Einklang befindet.

Persönliche Verwirklichung ist nicht so sehr das Werk der Vernunft, die mit allen Dingen beschäftigt ist, sondern das des Geistes, d. h. unserer Kapazität, Visionen zu schaffen, denen es um Zusammengehörigkeit geht und darum, den Dingen ihren eigentlichen Platz und Wert zu geben. Den Geist brauchen wir, um die Bedeutung jeder Situation zu erfassen. Daher gehören die Lebensweisheit und die Erfahrung des Mysteriums Gottes, das es in jedem Augenblick zu entziffern gilt, in den Bereich des Geistes. Es ist dies die Kapazität, sein Selbst völlig hineinzugeben in das, was man tut. Spiritualität ist weder eine Wissenschaft noch eine Technik, sondern die Art, sich voll und ganz in jede Situation hineinzugeben.

Die erste Aufgabe der Selbstverwirklichung besteht darin, unsere Situation mit ihren Grenzen und Möglichkeiten zu akzeptieren. Jede Situation ist vollkommen, nicht quantitativ zerstreut, sondern qualitativ gesammelt wie in einem Zentrum. In dieses Zentrum unseres Selbst zu gelangen heißt, die anderen zu finden, alle Dinge und Gott zu finden. Aus diesem Grund heißt es in der uralten Weisheit Indiens: „Wenn jemand in seinen eigenen vier Wänden korrekt denkt, werden seine Gedanken noch Tausende von Kilometern entfernt vernommen.“ Willst du andere verändern, so beginne bei dir selbst.

Eine weitere unabdingbare Aufgabe für die persönliche Verwirklichung besteht darin, mit dem letzten Ende, dem Tod, zu koexistieren. Wer dem Tod einen Sinn zu verleihen vermag, gibt auch dem Leben einen Sinn. Wer die Bedeutung des Todes nicht versteht, dem gelingt es auch nicht, den Sinn des Lebens zu entdecken. Der Tod ist jedoch mehr als der letzte Moment oder das Ende des Lebens. Das Leben selbst ist tödlich. In anderen Worten: wir sterben langsam, Stück für Stück, denn sobald wir geboren werden, beginnen wir zu sterben, dahin zu welken und uns vom Leben zu verabschieden. Als erstes verabschieden wir uns vom Mutterleib und verlassen ihn. Dann sagen wir Lebewohl zur Kindheit, zur Jugend, zur Schule, zum Elternhaus, zum Erwachsenenalter, zu einigen unserer Aufgaben, zu jedem Moment, der vergeht, und schließlich verabschieden wir uns vom Leben selbst.

Dieser Abschied lässt nicht nur Dinge und Situationen zurück, doch immer auch etwas von uns selbst. Wir müssen loslassen, arm werden und uns selbst entleeren. Was bedeutet all dies? Purer unverbesserlicher Fatalismus? Oder gibt es einen verborgenen Sinn? Wir entledigen uns selbst aller Dinge, sogar unserer selbst in unserem letzten Lebensmoment (Tod), denn wir wurden weder für diese Welt noch für uns selbst geschaffen, sondern für das Große Andere, das unser Leben füllen muss: Gott. Gott nimmt im Leben alles von uns, um uns nur umso mehr für Sich vorzubehalten. Er kann uns sogar die Gewissheit nehmen, dass sich all die Mühe gelohnt hat. Und selbst dann halten wir daran fest, vertrauen wir auf die heiligen Worte: „Denn selbst wenn uns unser Herz verurteilt, ist Gott größer als unser Herz.“ (1 Joh 3,20). Wem es gelingt, das Negative, einschließlich der Ungerechtigkeit, in seine eigene Mitte zu integrieren, der hat das höchste Maß an Menschwerdung und an innerer Freiheit erreicht.

Das Negative und die Krise, die wir durchleben, können uns eine Lehre sein: die Lehre des Loslassens und der Vorbereitung auf die totale Vollkommenheit in Gott. Dann werden wir durch Teilhabe zu Gott, wie der Mystiker Johannes vom Kreuz sagt.

Ubersezt von Betinna Gold-Hartnack

 

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