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Aslan Kurdi, der kleine ertrunkene Junge, bringt uns zum Weinen und Nachdenken

04/10/2015

Der kleine 3- oder 4-jährige syrische Junge liegt leblos am Strand, ist blass und hat noch immer seine Kinderkleidung an. Mit dem Gesicht nach unten, dem Kopf seitlich gedreht, als wolle er noch atmen. Die Wellen haben sich seiner erbarmt und ihn an den Strand getragen. Die stets gefräßigen Fische hatten ihn verschont, da seine Unschuld sie so sehr berührte. Aylan Kurdi ist sein Name. Sein Vater konnte seine Jungen nicht halten, sie wurden ihm aus den Händen gerissen und vom Wasser verschluckt.

Lieber Aylan, du flohst vor dem Kriegshorror Syriens, wo die Truppen des Präsidenten Assad, mit Unterstützung der reichen Arabischen Emirate und Iran  die Truppen des grausamen Islamischen Staates bekämpfen, die diejenigen köpfen, die sich weigern, zu ihrer Religion überzutreten. Ich kann mir vorstellen, dass du Angst vor den mit Überschallgeschwindigkeit fliegenden Flugzeugen hattest, die ihre mörderischen Bomben fallen ließen. Aus Angst, das Haus könnte in Flammen aufgehen und in die Luft gehen, konntest du nicht schlafen.

Wie oft hast du wohl deine Eltern und Nachbarn sagen hören, wie bedrohlich diese Flugzeuge sind, die ohne Piloten fliegen, die Drohnen? Die Drohnen verfolgen und jagen Menschen durch die ausgedörrte hügelige Landschaft und töten sie. Hochzeitsfeiern, die trotz all des Horrors mit viel Freude begangen werden, werden auch bombardiert, weil vermutet wird, dass sich irgendein Terrorist unter den Gästen befindet.

Vielleicht kam dir nicht in den Sinn, dass derjenige, der solche Grausamkeiten ausübt und hinter all dem steckt, ein junger Soldat ist, der aus irgendeinem Flugzeugträger oder aus  einer Militärbaracke in Texas lebt. Er sitzt friedlich in seinem Wohnzimmer vor einem riesigen Fernsehbildschirm. Per Satellitenempfang zeigt der Bildschirm die Schlachtfelder in deinem Land, Syrien oder Irak. Wenn der junge Soldat argwöhnisch wird, feuert er durch einen einfachen Knopfdruck eine Waffe ab, die von einer Drohne transportiert wird. Der junge Soldat empfindet nichts. Er hört nichts. Er fühlt nicht einmal Schmerz. Auf der anderen Seite des Erdballs, Tausende von Kilometern entfernt, sterben plötzlich 30 oder 40 Menschen, Kinder wie du, Väter und Mütter wie die Deinen, Menschen, die nichts mit dem Krieg zu tun haben. Sie werden kaltblütig ermordet. Bei sich zu Hause in Texas lächelt der Soldat, da er sein Ziel getroffen hat.

Angesichts des Terrors aus der Luft und vom Boden und der Bedrohung, ermordet oder geköpft zu werden, beschlossen deine Eltern zu fliehen. Sie nahmen die ganze Familie mit. Sie waren nicht auf der Suche nach einem anderen Job. Sie wollten einfach nicht sterben oder getötet werden. Sie träumten davon, in einem Land zu leben, wo sie nicht mehr bedroht werden, an einem Ort, wo sie ohne Alpträume schlafen können.

Und du, lieber Aylan, könntest fröhlich auf der Straße mit deinen Spielkameraden spielen, deren Sprache du nicht verstanden hättest. Aber das wäre nicht schlimm gewesen, denn ihr Kinder sprecht alle ein Sprache, die alle kleine Jungen und Mädchen verstehen.

Du, Aylan, warst nicht in der Lage, einen solch friedvollen Ort zu erreichen. Doch nun, trotz aller Trauer, die wir empfinden, wissen wir, dass du, so unschuldig wie du bist, in einem Paradies angekommen bist, wo du endlich spielen, springen und überall herum rennen kannst in der Gesellschaft eines Gottes, der auch ein Kind war, mit Namen Jesus, und der, um dich nicht allein zu lassen, wieder zum Kind wurde. Und Er wird Fußball mit dir spielen. Er wird ein Kätzchen im Nacken fassen und hinter einem Hundewelpen her rennen; ihr werdet einander perfekt verstehen, als wärt ihr immer Freunde gewesen. Zusammen werdet ihr bunte Bilder malen, über die Puppen lachen, die ihr fabrizieren werdet, und schöne Geschichten miteinander teilen. Und du wirst sehr glücklich sein. Und schau mal, welche Überraschung: bei dir wird auch dein kleiner Bruder sein, der mit dir gestorben ist, und deine Mutter wird euch umarmen und küssen können, wie sie es schon so oft getan hat.

Du bist nicht gestorben, mein lieber Aylan. Du bist an einen anderen Ort gegangen, einen viel besseren Ort, um dort zu leben. Die Welt war deiner Unschuld nicht würdig.

Und nun denke ich bei mir: Was für eine Welt ist das, die die Kinder erschrickt und tötet? Warum wollen die meisten Länder keine Terror- und Kriegsflüchtlinge aufnehmen? Sind diese Flüchtlinge denn nicht unsere Brüder und Schwestern, die im selben Gemeinsamen Haus, der Erde, mit uns leben? Diese Flüchtlinge verlangen nichts. Sie möchten nur leben. Sie möchten Frieden haben und wollen nicht, dass ihre Kinder aus Angst weinen und unter Bombengedröhn aus dem Bett springen. Sie sind Menschen, die als Menschen willkommen geheißen werden wollen, ohne irgendjemanden zu bedrohen. Sie wollen nur auf ihre Weise Gott verehren und sich auf ihre Art kleiden, wie sie es schon immer taten.

Sind zweitausend Jahre Christenheit nicht genug, um die Europäer mit einem Mindestmaß an Mitmenschlichkeit, Solidarität und Gastfreundschaft auszurüsten? Aylan, der kleine syrische Junge, der tot am Strand liegt, ist eine Metapher für das heutige Europa: überwältigt, leblos, unfähig zu weinen oder bedrohtes Leben aufzunehmen. Haben nicht die Europäer so oft gehört, dass sie denjenigen, den sie als Fremden oder Verfolgten aufnehmen, unwissentlich Gott aufnehmen?

Lieber Aylan, möge das Bild von dir, wie du an den Strand gespült da liegst, in uns die Menschlichkeit hervorrufen, die wir immer in uns tragen, einen Funken an Solidarität, eine Träne des Mitgefühls, die wir nicht unterdrücken können, mit unseren Augen, die müde sind, so viel nutzloses Leid anzusehen, vor allem Leid von Kindern wie du. Hilf uns, so bitten wir dich, denn ansonsten könnte der göttliche Funke, der in uns flackert, erlöschen. Und wenn diese Flamme stirbt, werden wir alle untergehen, denn ohne Liebe und Mitgefühl wird nichts in der Welt Sinn ergeben.

*Leonardo Boff, ein Großvater aus einem fernen Land, der bereits viele Menschen aus deinem Land, Syrien, empfangen hat, der sich erbarmte, als er das Bild von dir am Strand sah, und der bittere Tränen des Mitgefühls darüber weinte.

übersetzt von Bettina Goldhartnack

 

 

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