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Eine andere Art der Konfliktbewältigung

07/10/2015

Seit es Menschen gibt, hat es schon immer Konflikte aller Arten gegeben, vor allem in patriarchalischen Systemen. Das vorherrschende Mittel, diese zu bewältigen, war und ist noch immer der Gebrauch von Gewalt, um den anderen zu bekämpfen und auf irgendeinen niedrigeren Rang unterzuordnen. Dies ist der schlechteste Weg, denn er lässt den Bekämpften mit Bitterkeit, Demütigung und dem Verlangen nach Rache zurück. Auf diese Weise wird die Gewaltspirale aufrecht erhalten, die gerade heutzutage die Form des Terrorismus annimmt, die Rache der Gedemütigten. Sollte dies der einzige Weg für Menschen sein, um ihre Konflikte zu bewältigen?

Es gab jemanden, der sich als der „Verrückte Gottes“ (pazzus Dei) bezeichnete: Franz von Assisi, der auch der aktuelle Franziskus von Rom sein könnte, der auf der Suche nach einem anderen Weg war. Der vorige Weg war der des Gewinnens oder des Verlierens. Der neue Weg, der win/win-Weg, entzieht dem kriegerischen Denken die Grundlage. Wir wollen einige Beispiele aus der Praxis des Franz von Assisi beleuchten. Sein üblicher Gruß, wenn er jemandem begegnete, war: „Friede und Heil“. Von seinen Anhängern verlangte er: „Grüßt jeden, der auf euch zukommt, mit Freundlichkeit, ob Freund oder Feind, Dieb oder Bandit“ (Regel Nr. 7).

Wir wollen Franziskus’ Strategie im Hinblick auf Gewalt betrachten. Dazu ziehen wir zwei Legenden heran, die, da es sich um Legenden handelt, seinen Geist besser zum Ausdruck bringen als eine Darstellung von Fakten: die Diebe des Dörfchens San Sepolcro und der Wolf von Gubbio (Fioretti, Kap. 21).

Eine Diebesbande pflegte sich in den Wäldern zu verstecken und die Vorübergehenden aus der Nachbargemeinde zu berauben. Vom Hunger geplagt gingen sie zur Eremitage der Brüder und fragten nach Essen. Die Brüder hießen sie willkommen, jedoch nicht ohne Gewissensbisse: „Es ist nicht recht, dass wir dieser Diebesbande gegenüber gütig sind, die so viel Böses in der Welt verursacht.“ Sie trugen Franziskus diese Frage vor, der folgende Strategie vorschlug: Bringt Brot und Wein in den Wald und ruft ihnen zu: „Brüder Diebe, kommt her, wir sind Brüder und bringen euch Brot und Wein.“ Sie werden fröhlich essen und trinken, dann sprecht zu ihnen über Gott, aber verlangt nicht von ihnen, das Leben, das sie führen, abzulegen, denn das wäre zuviel verlangt. Verlangt nur von ihnen, dass sie niemandem Schaden zufügen, wenn sie jemanden überfallen. Ein anderes Mal riet Franziskus: „Bringt ihnen etwas Besseres: Käse und Eier.“ Die Diebe werden sich noch mehr freuen, doch auch das Flehen der Brüder hören: „Lasst dieses Leben des Hungerns und Leidens hinter euch, hört auf zu stehlen, geht lieber arbeiten, denn der gute Gott wird für das sorgen, was Körper und Seele brauchen.“ Von solcher Güte ergriffen ließen die Diebe von ihrem Lebenswandel ab und einige von ihnen wurden sogar Anhänger Franziskus’.

Hier wurde der Finger, erhoben zur Beschuldigung und Verurteilung, beiseite geschoben im Namen der wärmenden Nähe und des Vertrauens in die versteckte Energie, die in den Dieben lag und ihnen ermöglichte, etwas anderes als Diebe zu sein. Es geht darum, die Haltung zu überwinden, die alles in schwarz und weiß kategorisiert, die Güte auf die eine Seite stellt und das Böse auf die andere. Tatsächlich verbirgt sich in jedem Menschen ein möglicher Dieb und ein möglicher Bruder. Mit zärtlicher Zuneigung lässt sich der im Dieb verborgene Bruder retten. Und dies geschah in Assisi.

Diese Strategie, die auf Gewalt verzichtet, findet sich auch in der Legende des Wolfs von Gubbio, der die Menschen dieser Kleinstadt attackierte. Wieder einmal wird das Schwarz-Weiß-Denken überwunden: auf der einen Seite haben wir den „großen, schrecklichen und räuberischen Wolf“ und auf der anderen Seite die angstvollen, bewaffneten Menschen. Die Akteure auf beiden Seiten, deren einziges Verhältnis aus Gewalt und gegenseitiger Zerstörung bestand, wurden miteinander konfrontiert. Franziskus’ Strategie bestand nicht im Streben nach einem Waffenstillstand oder einem Gleichgewicht der von Angst bestimmten Kräfte. Er ergriff weder für die eine noch für die andere Seite Partei in einer falschen heuchlerischen Haltung: „Der andere ist schlecht, nicht ich. Daher muss er zerstört werden.“ Hat sich schon einmal jemand gefragt, ob sich nicht in jedem von uns ein böser Wolf und gleichzeitig ein guter Bürger/eine güte Bürgerin verbirgt?

Der Weg des Franziskus war die Vereinigung von Gegensätzen und bestand darin, die Gegensätze einander anzunähern, sodass sie miteinander Frieden schließen konnten. Franziskus ging zum Wolf und sagte zu ihm: „Bruder Wolf, du bist ein böser Mörder und hast den Galgen verdient, aber ich erkenne auch, dass du nur deshalb soviel Böses tust, weil du hungrig bist. Lass uns einen Vertrag schließen: Die Menschen werden dir zu essen geben, und du wirst aufhören, sie zu bedrohen.“ Dann richtete Franziskus sich ans Volk und predigte ihm: Wendet euch Gott zu, hört auf zu sündigen. Stellt sicher, dass es genug zu essen für den Wolf gibt, dann wird Gott euch von der ewigen Strafe befreien und vom bösen Wolf.“

Der Legende zufolge änderte die Kleinstadt ihre Gewohnheiten. Die Menschen beschlossen, den Wolf zu füttern, und der Wolf lief unter den Menschen herum, als wäre er ein freundlicher Mitbürger.

Manche haben diese Legende als eine Metapher für den Klassenkampf gelesen. Das wäre eine Möglichkeit. Tatsache ist jedoch, dass Frieden geschlossen wurde, und dies nicht durch den Sieg der einen über die andere Seite, sondern indem die Denkweise in Seiten und Parteien überwunden wurde. Alle gaben nach, Gewinn auf beiden Seiten wurde möglich, und es kam zu Frieden, einem Frieden, der nicht durch sich selbst existiert, sondern der aus einem gemeinsamen Einverständnis zwischen den Menschen und dem Wolf entsprang.

Fazit: Franziskus stimulierte weder die Widersprüche, noch beseitigte er die dunkle Dimension, in der der Hass kocht. Franziskus vertraute in die humanisierende Fähigkeit der Güte, in Dialog und gegenseitiges Vertrauen. Er war nicht naiv. Er wusste, dass wir in der „regio dissimilitudinis“ leben, in einer Welt von Ungleichheiten (Fioretti, Kap. 37). Doch er gab sich dieser dekadenten Situation nicht hin. Er erfasste intuitiv, dass jenseits von Bitterkeit in jedem Geschöpf eine verborgene Güte existiert, die gerettet werden muss. Und so geschah es.

Der Tag wird kommen, an dem die Menschen sich mit ihrer spirituellen Intelligenz und mit der des Herzens versöhnen werden, deren biologische Grundlage kürzlich durch Neurologen identifiziert werden konnte, und die durch die intellektuelle Vernunft ergänzt wird, welche teilt und auflöst. Dann werden wir das Königreich des Friedens und der Eintracht einläuten. Der Wolf wird weiterhin ein Wolf bleiben, doch er wird niemanden mehr bedrohen.

ubersetzt von Bettina Gold-Hartnack
 

 

 

 

 

 

5 Comentários leave one →
  1. 08/10/2015 17:42

    Traigo a colación una reflexión de Joan Chistester que me ah ayudado en mi proceso de cncienciación sobre mi rol femenino: ha llegado el momento de que las mujeres asuman la misma responsabilidad en el mantenimiento de la vida enel mundo que en dar a luz la vida en el mundo. De lo contrario, la mujeres se limitarán a engendrar un mundo patriarcal para destruir otro.

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