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Gastfreundschaft: unser aller Recht und Pflicht

23/11/2015
Immer wieder stellt uns das weltweite Flüchtlingsproblem vor den ethischen Imperativ der Gastfreundschaft sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene. Wir erleben zurzeit eine Völkerwanderung wie zu Zeiten des Untergangs des Römischen Reichs. Millionen Menschen sind auf der Suche nach einer neuen Heimat, wo sie überleben können oder einfach, um dem Krieg zu entkommen und ein Minimum an Frieden zu finden. Wir alle haben sowohl ein Recht auf Gastfreundschaft als auch die Pflicht, Gastfreundschaft zu gewähren. Immanuel Kant (1724-1804) erkannte deutlich die Überschneidung von Rechten und Pflichten und der Gastfreundschaft für die Schaffung dessen, was er den „Ewigen Frieden“ nannte (Zum ewigen Frieden, 1795). Kant war seiner Zeit voraus, als er eine Weltrepublik oder einen Völkerstaat entwarf, der auf dem Weltbürgerrecht aufbaut. Die vordringliche Aufgabe, so Kant, ist die „allgemeine Hospitalität“ (§ 357).
Warum Gastfreundschaft? Für Kant „weil sich alle Menschen auf der Erde befinden und ausnahmslos alle das Recht haben, auf ihr zu leben und Orte zu besichtigen sowie die Völker, welche sie bewohnen. Die Erde gehört allen gemeinsam“ (§ 358).
Diese Bürgerschaft, entstanden durch allgemeine Gastfreundschaft, wird durch Rechte regiert und niemals durch Gewalt. Kant schlägt vor, die ganze Kriegsmaschinerie zu demontieren und auf jegliche Armeen zu verzichten, so wie es auch die Erd-Charta vorsieht. Denn solange solche Mittel der Gewalt existieren, wird der Starke den Schwachen bedrohen und werden Spannungen unter den Staaten bestehen, die die Grundlage für fortwährenden Frieden unterminieren.
Die Macht eines Rechtsstaats und die Verbreitung allgemeiner Gastfreundschaft müssen zu einer Rechtskultur führen, die Herz und Verstand aller Weltbürger und Weltbürgerinnen durchdringt und so eine Völkergemeinschaft schafft. Diese Völkergemeinschaft, so Kant, kann sich dahingehend ausdehnen, dass weltweit spürbar wird, wenn es an einer Stelle der Erde zu einer Rechtsverletzung kommt (§ 360). Diese Idee machte sich Ernesto Che Guevara viel später zu Eigen. Der Geist der Gastfreundschaft und Solidarität drückt sich so aus, dass das Leid eines Einzelnen zum Leid aller wird und die Vorteile des Einen zu den Vorteilen aller werden. Dieser Gedanke findet bei Papst Franziskus ein Echo, der von Menschen als von Beziehungen spricht, die am Leiden anderer teilhaben.
Wenn es uns um anhaltenden Frieden geht und nicht nur um einen Waffenstillstand oder eine momentane Befriedung, dann müssen wir universelle Gastfreundschaft und den Respekt universeller Rechte umsetzen.
Frieden ergibt sich laut Kant aus der Rechtskraft des Gesetzes, aus rechtskräftiger Mitbestimmung und aus der institutionalisierten Kooperation unter den Staaten und Völkern. Für Kant sind Rechte „Gottes Augapfel“ oder „das Heiligste, das Gott der Erde geschenkt hat“. Das Respektieren der Rechte ermöglicht die Entstehung einer Friedensgemeinschaft, die dem „schändlichen Kriegstreiben“ endgültig ein Ende setzt.
Zu unserer Zeit hat sich Jacques Derrida (1930-2004) in seinem Buch „Über die Gastfreundschaft“ (De l’hospitalité, Paris, 1977) dem Thema Gastfreundschaft angenommen, indem er ihr einen bedingungslosen Charakter für alle verleiht.
Dennoch war Kant es, der ihr das beste Fundament verlieh. Für ihn besteht die Grundlage aus dem guten Willen, der für ihn die einzige makellose Tugend darstellt. In seinem Buch Grundlegung zur Metaphysik der Sitten (1785) stellt Kant etwas sehr Wichtiges fest: „Man kann sich nichts innerhalb oder auch außerhalb der Welt vorstellen, das ohne Vorbehalt so gut sein kann wie der gute Wille.“ Um diese schwierige Ausdrucksweise in heutige Sprache zu übersetzen: Der gute Wille ist das einzig Gute, das in sich selbst gut und das unbeschränkt ist. Der gute Wille ist gut, oder es ist eben nicht guter Wille. Erscheint der gute Wille suspekt, so ist er nicht gut. Guter Wille setzt eine Öffnung für den anderen und bedingungsloses Vertrauen voraus. Dies ist für Menschen machbar. Wenn wir mit dem guten Willen nicht ernst machen, werden wir keinen Weg aus der verzweifelten Sozialkrise finden, die ganze Gesellschaften an den Rändern der Erde zerreißt und die für die Millionen von Flüchtlingen verantwortlich ist, die sich auf den Weg nach Europa begeben haben.
Der gute Wille ist das letzte zur Verfügung stehende Rettungsboot. Die Situation der Welt ist ein Desaster. Wir leben in einem permanenten Zustand der Besetzung oder eines globalen Bürgerkriegs. Niemand, nicht einmal die beiden heiligen Männer Papst Franziskus und der Dalai Lama, nicht die intellektuellen oder moralischen Eliten, noch die Techno-Science haben einen weltweit gültigen Ausweg parat. In Wirklichkeit sind wir einzig auf unseren guten Willen angewiesen. An dieser Stelle sollten wir uns daran erinnern, was Dostojewski 1877 in seiner fantastischen Kurzgeschichte „Der Traum eines lächerlichen Menschen“ schrieb: „Wenn es alle wirklich wollten, würde sich die Erde innerhalb von einem Augenblick verwandeln.“

An Brasilien lässt sich das Drama der Welt in Miniaturformat ablesen. Die sozialen Wunden, die in fünfhundert Jahren Vernachlässigung der Bedürfnisse des Volkes entstanden, führten zu einem Blutvergießen. Die Mehrheit unserer Eliten hat auf der Suche nach einer Problemlösung nie an Brasilien als Ganzes gedacht, sondern immer nur an sich selbst. Den Eliten geht es mehr um die Verteidigung ihrer eigenen Privilegien als um die Sicherung der Rechte für alle. Durch tausende von politischen Manövern, selbst durch Androhung von Amtsenthebung, gelang es ihnen, die demokratisch gewählten Regierungen dazu zu bringen, ihre Interessen auf der Agenda durchzusetzen und soziale Veränderungen zu vermeiden oder zu hinauszuzögern. Im Gegensatz zum Großteil der brasilianischen Bevölkerung, die einen unglaublich guten Willen aufbringt, verweigert ein Großteil der brasilianischen Elite den guten Willen, den sie ihrem Land schuldet.

Wenn der gute Wille so ausschlaggebend ist, muss er dringend in allen hervorgerufen werden. Alle haben die Pflicht, Gastfreundschaft zu gewähren, und das Recht aufgenommen zu werden, da wir alle in dem einen gemeinsamen Haus leben.

Übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

 

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