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Religion kann Gutes verbessern und Böses verschlimmern

24/11/2015

Alles, was gesund ist, kann krank werden, Religionen und Kirchen sind davon nicht ausgenommen. Dies trifft vor allem heute zu, da wir es mit dem Übel des Fundamentalismus zu tun haben, der wichtige Bereiche von praktisch allen Religionen und Kirchen befällt, einschließlich der Römisch-Katholischen Kirche. Zum Teil kann man von einem wirklichen Religionskrieg sprechen. Man braucht sich nur einige religiöse Programme anzusehen, vor allem die im Fernsehen einer Neo-Pfingstkirche, doch auch in einigen konservativen Bereichen der Römisch-Katholischen Kirche, um zu hören, wie sie Personen oder Gruppen von gewissen theologischen Richtungen verurteilen oder die afro-brasilianischen Religionen verteufeln.

Am stärksten drückt sich dieser kriegsähnliche und zerstörerische Fundamentalismus im sogenannten Islamischen Staat, dem ISIS, aus, der Gewalt und Mord an denen, die sich von ihnen unterscheiden, zu seinem Kennzeichen macht.

Doch es gibt auch eine andere religiöse Untugend, die sich in den Massenmedien findet, insbesondere im Radio und Fernsehen: der Gebrauch von Religion, um Menschen zu rekrutieren, das Evangelium des materiellen Reichtums zu predigen und den Gläubigen Geld aus der Tasche zu ziehen, um ihre Pastoren und selbsternannten Bischöfe zu bereichern. Wir haben es hier mit kommerziellen Religionen zu tun, die der Logik des Marktes gehorchen, d. h. dem Wettbewerb und der Rekrutierung einer größtmöglichen Zahl von Menschen mit maximaler Anhäufung von Geld.

Wenn wir näher hinschauen, stellen wir fest, dass die Mehrzahl dieser Massenmedien-Kirchen nur selten das Neue Testament erwähnt. Das Alte Testament ist vorherrschend. Dies ist verständlich. Im Alten Testament, vor allem bei den Propheten und in anderen Texten, wird das materielle Wohlergehen als Ausdruck göttlichen Gefallens betont. Reichtum steht im Mittelpunkt. Im Neuen Testament werden die Armen selig gesprochen, wird Barmherzigkeit gepredigt sowie Vergebung, Feindesliebe und grenzenlose Solidarität mit den Armen und den an den Rand Gedrängten. Selbst in katholischen Radio- und Fernsehprogrammen hören wir kaum noch die Worte des Meisters: „Selig seid ihr Armen, denn euer ist das Himmelreich“.

Zuviel wird über Jesus und Gott gesprochen, als wären sie eine auf dem Markt erwerbliche Ware. Diese heiligen Wirklichkeiten verlangen kraft ihrer Natur nach Verehrung und Hingabe, respektvoller Stille und andächtiger Haltung. Die am häufigsten anzutreffende Sünde ist die gegen das zweite Gebot: „Du sollst den Namen Gottes nicht verunehren“. Dieser Name findet sich auf Auto-Aufklebern und sogar in Brieftaschen, als wäre Gott nicht ohnehin überall. Und dieses „Jesus hier und Jesus da“ ist eine irritierende Trivialisierung des Heiligen.

Was aber noch schmerzhafter und wirklich skandalös ist, ist das Anrufen der Namen Gottes und Jesu für rein kommerzielle Zwecke. Schlimmer noch, sie werden benutzt, um Veruntreuungen zu verdecken, den Diebstahl von öffentlichen Mitteln und Geldwäsche. Es gibt sogar ein Unternehmen namens „Jesus“. Im Namen „Jesu“ werden Bestechungsgelder in Millionenhöhe in ausländischen Banken versteckt, und andere Formen der Korruption, öffentliche Mittel involvierend, werden praktiziert. Und all dies geschieht ohne jede Spur von Scham.

Wäre Jesus unter uns, würde er zweifellos genauso handeln wie er mit den Händlern im Tempel umging: Mit einer Peitsche jagte er sie davon und verwüstete ihre Geldsäcke.

Aufgrund dieser Entstellungen der heiligen Wirklichkeit geht uns das humanisierende Erbe der jüdisch-christlichen Schriften verloren, vor allem die befreiende und humane Eigenschaft der Botschaft und Praxis des Jesus von Nazareth. Religion kann das Gute verbessern, doch sie kann das Böse auch verschlimmern.

Wie wir wissen, hatte Jesus nicht die Absicht, eine neue Religion zu gründen. Zu seiner Zeit gab es viele Religionen. Es ging ihm auch nicht um eine Reformierung des Judentums. Vielmehr wollte Er uns lehren, unser Leben nach den Werten seiner Vision zu leben, dem Reich Gottes, das aus bedingungsloser Liebe besteht, aus Gnade, Vergebung und völliger Hingabe zu Gott, genannt „Papa“ („Abba“ auf Hebräisch), der die Eigenschaften einer Mutter von grenzenloser Güte besitzt. Durch ihn kam die Schaffung des neuen Menschen in Bewegung, das, wonach die Menschheit sich seit Ewigkeiten sehnt.

Wie die Apostelgeschichte zeigt, war das frühe Christentum eher eine Bewegung als eine Institution. Man nannte sie den „Weg Jesu“, es gab eine Offenheit für die grundlegenden Werte, die Jesus von Nazareth gepredigt und gelebt hatte. Doch als die Bewegung wuchs, wurde sie unweigerlich in eine Institution mit Regeln, Riten und Lehrsätzen verwandelt. Dann wurde aus der heiligen Macht (sacra potestas) das Ordnungsprinzip der gesamten Institution, die heute Kirche heißt. Das Wesen der Bewegung wurde durch die Kirche absorbiert. Aus der Geschichte haben wir jedoch gelernt, dass dort, wo die Macht vorherrscht, die Liebe verschwindet und Gnade sich auflöst. Leider geschah genau das. Thomas Hobbes warnte davor, dass die Macht sich selbst beschützt, indem sie nur nach immer mehr Macht strebt.

Auf diese Weise entstanden Kirchen, die ihre Macht durch Institutionen, Bauten, materiellen Reichtum und sogar durch eigene Banken gewannen. Und mit der Macht geht die Möglichkeit zur Korruption einher.

Wir sind Zeugen von etwas Gutem, das wir willkommen heißen müssen: Papst Franziskus nimmt das Christentum wieder für uns auf, eher als Bewegung denn als Institution, eher als Begegnung zwischen Menschen und dem lebendigen Christus und eher als Gnade ohne Grenzen denn als Disziplin und orthodoxe Lehre. Er stellte die Person Jesu in den Mittelpunkt, nicht Macht, Dogma oder Moral. Dies ermöglicht allen, auch denjenigen, die nicht Teil der Institution sind, zu fühlen, dass sie sich in dem Maß, in dem sie sich für Liebe und Gerechtigkeit entscheiden, auf dem Weg Jesu befinden.

Übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

 

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