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13/01/2016

Der annus nefastus 2015 zerstört nicht die Hoffnung auf den annus propicius

Das kürzlich beendete Jahr 2015 verdient die lateinische Bezeichnung: annus nefastus. (Unheilsjahr). Andere nennen es annus horribilis (Schreckensjahr). Es gab so viele Katastrophen, dass es nicht nur beängstigend, sondern besorgniserregend ist. Die größte Sorge gilt dem Erdüberlastungstag, den wir am 13. September erreichten. Dies bedeutet, dass an diesem Tag die Kapazität der Erde überschritten wurde, die für das Fortbestehen des Lebens- und des Erdsystems notwendigen Mittel bereitzustellen. Die Erde verlor ihre Biokapazität. Sie ist die Grundlage für all unsere Projekte. Da die Erde ein Super-Wesen darstellt, bestehen die Signale, die sie uns sendet, da sie ihr Limit erreicht hat, aus Dürren, Fluten, Taifune und weltweit wachsender Gewalt.

Wie Papst Franziskus in seiner Enzyklika mehrfach wiederholt, sind wir alle miteinander verbunden. In diesem Kontext ist der Konsens, auf den man sich am 12. Dezember in Paris auf der Klimakonferenz geeinigt hat, eine Illusion: Die globale Erwärmung sollte 2° C nicht übersteigen und zur Mitte des Jahrhunderts bei 1,5°C liegen. Dies setzt einen Wandel unseres Zivilisationsparadigmas voraus, dass wir nicht mehr auf fossile Brennstoffe angewiesen sein werden, obwohl es klar ist, dass alle alternativen Energien zusammen nicht einmal 30 % dessen abdecken können, was wir brauchen. Die großen Öl-, Gas- und Kohleversorger können diesen Richtungswechsel weder vollziehen noch wollen sie ihn. Die Idee ist eine rhetorische. Das dritte entsetzliche Ereignis ist der gewalttätige Terrorismus in Europa und in Afrika, die Tausende von Flüchtlingen und die Kriege der Militärmächte, die sie gegen den Islamischen Staat und andere bewaffnete Gruppen Syriens führen. Verlässliche Quellen sprechen von Tausenden unschuldiger ziviler Opfer.

Ein weiterer schrecklicher Fakt ist die Verwandlung der USA in einen terroristischen Staat. Mit ihren 800 Militärbasen rund um den Globus intervenieren sie direkt oder indirekt, wo immer sie den Eindruck haben, dass ihre imperialen Interessen beeinträchtig werden. In der Innenpolitik haben die USA den „Patriotic Act“, der grundlegende Rechte außer Kraft setzt, nicht abgeschafft. Es ist nicht verwunderlich, dass im Jahr 2015 die US-amerikanische Polizei fast 1000 unbewaffnete Personen tötete, von denen 60 % Schwarze oder Latinos waren.

Eine weitere grausame Tatsache besteht in der Korruption bei PETROBRAS, dem größten brasilianischen Unternehmen, worin Millionen und Abermillionen Dollar involviert sind. Parallel dazu entstand unter uns eine Welle an Hass, Wut und Vorurteilen nach den Präsidentschaftswahlen von 2014. Dies war nicht erstaunlich, denn Brasilien ist ein Land voller Kontraste, wie Roger Bastide es in seinem „Brasilien, Land der Kontraste“ („Brésil, terre des contrastes“, Hachette 1957) ausdrückte. Und bereits vor Bastide schrieb Gilberto Freyre, der größte Spezialist für die Sozialgeschichte Brasiliens: „Insgesamt gesehen war die Bildung Brasiliens ein Prozess des Ausbalancierens unter Antagonisten“.

Dieser Antagonismus, der gewöhnlich durch den „herzlichen Menschen“ unter einer ideologischen Decke gehalten wird, kam ans Tageslicht und ist nun, vor allem in den sozialen Medien, klar erkennbar. Der „herzliche Mensch“, den Sergio Buarque de Holanda, Autor von „Die Wurzeln Brasiliens“ (Raízes do Brasil, 21. Auflage, 1989, S. 100-112), vom Schriftsteller Ribeiro Couto entlehnte, wird im Allgemeinen missverstanden. Hier geht es nicht um Anstand und Höflichkeit. Es geht um unsere Aversion gegen soziale Riten und Formalismen. Wir bevorzugen Informelles und Abgeschlossenheit.

Es ist typisch brasilianisch, dass wir uns mehr von unserem Herzen als von unserem Verstand leiten lassen. Nun, Freundlichkeit und Gastfreundschaft kommen ja vom Herzen. Doch kann, wie Buarque de Holanda es ausdrückt, „Feindschaft so herzlich sein wie Freundlichkeit, denn beides entsteht im Herzen“ (Anm. 157 der S. 106 und 107).

Dieses schwache Gleichgewicht ging 2015 verloren, und die negative Herzlichkeit trat als Hass in Erscheinung, als Vorurteil und Wut gegen die Anhänger der Arbeiterpartei, PT, gegen die Bewohner aus dem Norden und gegen die Schwarzen. Nicht einmal verfassungsgemäß respektable Personen wie die Präsidentin Dilma Rousseff blieben davon verschont. Das Internet hat alle Höllenpforten geöffnet für Beleidigungen, Schimpfwörter, direkte zwischenmenschliche Affronts der einen gegen die anderen.

Solche Ausdruckweisen bringen nur unsere Rückwärtsgewandtheit zutage, unseren Mangel an demokratischer Kultur, unsere Intoleranz und Klassenkampf. Es lässt sich nicht leugnen, dass es in einigen Bereichen tiefe Ressentiments gegenüber Reichen gibt und gegenüber denjenigen, die dank der (nicht sonderlich befreienden) Sozialpolitik der PT-Regierung den Aufstieg schafften. Die brasilianischen Antagonismen stellten sich klar als nicht miteinander vereinbar dar, und nun kommt es zu offenen Kampf-Austragungen gegeneinander (seien es Klassen-, Interessen- oder Machtkämpfe). Doch es geht ein sozialer Riss durch Brasilien, und es wird uns einiges kosten, ihn zu flicken. Nach meinem Verständnis kann dies nur durch eine partizipatorische Demokratie gelingen, jenseits der aktuellen Farce, die die Interessen der reichen Klasse über die des Volkes als Ganzes stellt.

Wirklich wertvoll ist unser unglaublicher Hoffnungsreichtum, der das Unheilsjahr (annus nefastus) überwindet und zu einem Gnadenjahr (annus propicius) führt. Überall gibt es so viele guten Erfahrungen, die hier nicht alle aufgezählt werden können, und die die Hoffnung auf ein Gnadenjahr rechtfertigen. Möge Gott uns erhören!

Überesetzt von Bettina Gold-Hartnack

 

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