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Frieden: ein rares, doch stets begehrtes Gut

23/01/2016

Was wir am meisten zu Beginn eines neuen Jahres hören, sind Wünsche für Frieden und Glück. Wenn wir die derzeitige Weltsituation realistisch betrachten, einschließlich die der verschiedenen Länder und unseres Landes, stellen wir fest, dass es gerade Frieden ist, woran es uns am meisten mangelt. Doch Frieden ist so wertvoll, dass er immer begehrt wird. Wir müssen uns sehr bemühen (beinahe hätte ich gesagt, wir müssen kämpfen, um Frieden zu erringen, was aber widersprüchlich gewesen wäre), um einen minimalen Grad an Frieden zu erlangen, der das Leben erträglich macht: inneren Frieden, Familienfrieden, Frieden am Arbeitsplatz, Frieden im politischen Leben und unter den Völkern. Und wie sehr brauchen wir den Frieden! Abgesehen von den Terrorattacken gibt es weltweit 40 Kriegsorte oder zerstörerische Konflikte.

Die Gründe, warum Frieden zerstört und seine Erlangung so behindert wird, sind zahlreich und sogar mysteriös. Ich werde mich auf den Hauptgrund beschränken: die tiefe soziale Ungleichheit in der Welt. Thomas Piketty schrieb ein ganzes Buch über die Ökonomie der Ungleichheiten (La economia de las desigualdades, Anagrama, 2015). Die simple Tatsache, dass ca. 1 % der Weltbevölkerung aus Multimilliardären besteht, die über einen Großteil des Volkseinkommen bestimmen, und in Brasilien, laut Mario Pochman, einem Experten auf diesem Gebiet, beherrschen 5000 Familien 46 % des BSP, zeigt die Tragweite dieser Ungleichheit. Piketty erkennt, dass „die Frage der Ungleichheit in den Lohnvergütungen zum Hauptthema der heutigen Ungleichheit geworden ist, wenn nicht sogar der Ungleichheit aller Zeiten.“ – Sehr hohe Einkommen für einige Wenige und beschämende Armut für die große Mehrheit.

Vergessen wir nicht, dass die Ungleichheit eine analytisch-beschreibende Kategorie ist. Sie ist kalt, denn sie lässt uns nicht die Schreie der Leidenden hören, die sich dahinter verbergen. Und theoretisch ist sie eine soziale und strukturelle Sünde am Plan des Schöpfers, der alle Menschen nach Seinem Bilde und Ihm ähnlich schuf, mit derselben Würde und denselben Rechten an den Lebensgütern. Diese ursprüngliche Gerechtigkeit (der Sozial- und Schöpfungspakt) wurde in der Menschheitsgeschichte immer wieder gebrochen, und wir haben es mit dem Erbe einer grausamen Ungerechtigkeit zu tun, denn davon sind alle betroffen, die sich nicht selbst verteidigen können.

Einer der kraftvollsten Absätze in der Enzyklika von Papst Franziskus über die Sorge für das Gemeinsame Haus beschäftigt sich mit der „globalen Ungleichheit“ (Nr. 48-52). Dieser Text verdient es, hier zitiert zu werden:

Die Ausgeschlossenen stellen die Mehrheit auf diesem Planeten dar, Milliarden von Menschen. Sie sind zwar in den internationalen politischen und wirtschaftlichen Diskussionen präsent, doch oftmals scheint es, als sei dieses Thema nur aus Pflichtbewusstsein oder am Rande angesprochen, wenn nicht sogar diese Menschen als ein schierer Kollateralschaden angesehen werden. Tatsächlich kommen sie, wenn es um konkretes Handeln geht, erst ganz am Ende vor, … bei den Diskussionen über die Umwelt sollte es auch um Gerechtigkeit gehen, damit auch die Schreie der Erde und der Armen gehört werden.“ (Nr. 49).

Hierin liegt der Hauptgrund für die Zerstörung der Friedensbedingungen unter den Menschen oder mit Mutter Erde: Wir behandeln unsere Mitmenschen ungerecht; wir kultivieren keinen Gleichheitssinn und keine Solidarität mit denjenigen, die über weniger verfügen als wir und die alle Arten von Entbehrungen erleiden und so zu frühzeitigem Tod verurteilt sind. Die Enzyklika trifft den Hauptnerv, wenn sie sagt: „Wir müssen unser Bewusstsein stärken, dass wir eine einzige Menschheitsfamilie sind. Weder Grenzen noch politische oder soziale Schwellen erlauben uns, uns zu isolieren, und daher gibt es auch keinen Platz für die Globalisierung der Gleichgültigkeit“ (Nr. 52).

Gleichgültigkeit ist Abwesenheit von Liebe, Ausdruck von Zynismus und Mangel an Intelligenz des Herzens und der Sensibilität. Diesen letzten Punkt spreche ich immer in meinen Überlegungen an, denn ohne Intelligenz des Herzens und der Sensibilität reichen wir unsere Hand nicht dem anderen, um für die Erde zu sorgen, welche auch ein Opfer von großer ökologischer Ungerechtigkeit ist: Wir führen einen solchen Krieg an allen Fronten gegen die Erde, sodass sie in einen Chaos-Prozess eingetreten ist mit globaler Erwärmung und den extremen Auswirkungen, die diese erzeugt.

Kurz gesagt: Entweder werden wir auf persönlicher, sozialer und ökologischer Ebene gerecht, oder wir werden uns niemals eines wirklichen Friedens erfreuen können.

Nach meinem Verständnis kommt die beste Definition für Frieden von der Erd-Charta, die sagt: „Frieden ist die Fülle, welche resultiert aus einem korrekten Verhältnis mit sich selbst, mit anderen Personen, anderen Kulturen, anderen Lebensformen, mit der Erde und mit dem Ganzen, dessen Teil wir sind“ (Nr. 16f). Hier wird klar, dass Frieden nicht etwas ist, das aus sich selbst heraus besteht. Frieden ist das Ergebnis von echten Beziehungen mit den anderen Realitäten, die uns umgeben. Ohne solche korrekte Verhältnisse (d. h. Gerechtigkeit) werden wir uns niemals des Friedens erfreuen können.

Für mich ist es offensichtlich, dass es keinen Frieden geben kann im gegenwärtigen Kontext einer Gesellschaft, die von Produktion und Konsum geprägt ist, von Wettbewerb und nicht von Kooperation, die gleichgültig und egoistisch ist und dies weltweit globalisiert. Bestenfalls erlangen wir seichte Befriedung. Auf politischer Ebene müssen wir eine andere Gesellschaftsform gründen, die auf gerechten Verhältnissen unter allen basiert, mit der Natur, mit Mutter Erde und mit dem Ganzen (dem Mysterium der Welt), zu dem wir gehören. Dann wird der Frieden, der ethisch traditionell als „das Werk der Gerechtigkeit“ (opus justiciae, pax) bezeichnet wird, aufblühen.

Leonardo Boff ist Theologe und Schriftsteller

Übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

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