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Wir müssen Brücken bauen zwischen dem Leben und der Politik

09/02/2016

Wir beobachten im heutigen Brasilien unter den Menschen eine ernstzunehmende Aufspaltung aus parteipolitischen Gründen. Da gibt es solche, die aufhörten, an den gemeindlichen Weihnachtsfeiern teilzunehmen, weil es unterschiedliche politische Auffassungen gab: die einen aus Gründen der Kritik an der Regierungspartei, da diese in der Wahlkampagne gelogen haben soll; die anderen wegen der exzessiven Korruption, die wichtigen Gruppen der Arbeiterpartei PT angelastet wird. Einige sind starke Verfechter für die Amtsenthebung von Präsidentin Dilma Rousseff. Andere halten das berühmte „pedaladas“ (Pedale-Treten) für keinen ausreichenden Grund, sie aus dem höchsten Staatsposten zu heben, den sie durch die Wahl der Mehrheit des Volkes errang. Wir sind uns darin einig, dass die „pedaladas“ eine Sünde sind, doch es handelt sich nur um eine lässliche Sünde, die ohne böse Absicht begangen wurde. Für eine lässliche Sünde wird, gemäß einer vernünftigen Theologie, niemand zur Hölle verdammt. Schlimmstenfalls kommt man für eine gewisse Zeit in Gottes reinigende Klinik, das Fegefeuer. Das Fegefeuer ist nicht die Vorhölle, sondern der Vor-Himmel.

Wir wollen diese Gegensätze jetzt einmal außer Acht lassen. Tatsache ist, dass es zweifellos eine große Irritation in der Gesellschaft gibt, rassistische Intoleranz, bittere Diskussionen und viele Schimpfwörter, die Kinder niemals hören sollten. Vor allem das Internet hat die Tore für Straftaten aller Art geöffnet. Manche Menschen bleiben in der Vergangenheit verankert und denken noch in den Kategorien des Kalten Krieges. Jemanden als „Kommunisten“ zu bezeichnen, ist für sie eine Beleidigung. Sie vergessen, dass die Sowjetunion zusammenbrach und die Berliner Mauer im Jahr 1989 fiel.

Die Brücken zwischen den sozialen Plätzen, die zwar unterschiedlich sind, doch akzeptiert und respektiert wurden, wurden beschädigt oder zerstört. Eine gesunde Gesellschaft kann nicht überleben, wenn ihr soziales Netzwerk zerstört wird. Genau da liegt die Gefahr der Radikalisierung der Rechten (z. B. Militärdiktatur) oder der Linken (wie der totalitäre Sowjet-Sozialismus).

Ich denke, dass uns die Geschichte manch gute Lektion erteilen und uns von der Wahrheit der Dinge eher überzeugen kann als theoretische Argumente. Ich möchte eine Geschichte weitergeben, die ich vor langer Zeit gehört habe und die von großer Überzeugungskraft ist. Sie lautet folgendermaßen:

Zwei Brüder lebten harmonisch in zwei Bauernhöfen, die nahe beieinander lagen. Sie hatten eine gut funktionierende Getreideproduktion, einige Rinder, und sie kümmerten sich gut um ihre Schweine.

Eines Tages hatten sie einen kleinen Streit. Die Gründe dafür waren weniger wichtig: ein Kalb des jüngeren Bruders war herumgestreunt und hatte einen nicht unbedeutenden Teil des Maisfeldes des älteren Bruders gefressen. Sie waren leicht verärgert und stritten sich. Zunächst sah es so aus, als sei die Sache erledigt.

Doch dem war nicht so. Plötzlich sprachen sie nicht mehr miteinander. Sie vermieden es, einander im Laden oder auf der Straße anzutreffen. Sie taten so, als kennten sie sich nicht.

Eines Tages erschien ein Zimmermann auf Arbeitssuche auf dem Hof des älteren Bruders. Dieser sah ihn von oben bis unten an und sagte ihm mit mancher Traurigkeit in der Stimme: „Siehst du den Bach, der da unten entlang fließt? Er ist die Grenze zwischen meinem Bauernhof und dem meines Bruders. Baue mit all dem Holz, das du in diesem Wäldchen findest, einen sehr hohen Zaun, so dass ich nicht mehr gezwungen bin, meinen Bruder oder seinen Hof wiederzusehen. Auf diese Weise werde ich meinen Frieden finden.“

Der Zimmermann nahm den Job an, ergriff das Werkzeug und schritt ans Werk. In der Zwischenzeit ging der ältere Bruder in die Stadt, um sich um seine Geschäfte zu kümmern.

Als er spät am Tag zu seinem Hof zurückkehrte, war er bestürzt über das, was er sah. Der Zimmermann hatte keinen Zaun gebaut, sondern eine Brücke über den Bach, die nun beide Höfe miteinander verband.

Und er sah, wie sein jüngerer Bruder über die Brücke kam und sagte: „Bruder, nach all dem, was zwischen uns geschah, kann ich kaum glauben, dass du diese Brücke gebaut hast, um zu mir zurück zu finden. Du hast Recht; es ist Zeit, unseren Zwist zu beenden. Komm in meine Arme, Bruder!“

Und sie umarmten einander herzlich und versöhnten sich. Der eine Bruder fand seinen anderen Bruder wieder.

Plötzlich sahen sie, dass sich der Zimmermann entfernte. Sie riefen ihn: „He, Zimmermann! Bitte geh nicht weg. Bleibe ein paar Tage bei uns … Du hast uns so viel Freude bereitet…“

Doch der Zimmermann erwiderte: „Ich kann nicht bleiben. Weltweit müssen noch andere Brücken gebaut werden. Es gibt immer noch zu viele Menschen, die miteinander versöhnt werden müssen.“ Und der Zimmermann ging ruhig davon, bis er in einer fernen Kurve des Weges aus dem Blickfeld verschwand.

Die Welt und unser Land brauchen Brücken und Zimmermann-Menschen, die großzügig mithelfen, die Konflikte zu lösen und Brücken zu bauen, so dass wir uns über die Konflikte und Differenzen stellen können, die in der unfertigen Menschheit bestehen. Wir müssen immer und immer wieder lernen und einander lehren, als Brüder und Schwestern in Geschwisterlichkeit zu leben.

Vielleicht ist dies einer der dringendsten ethischen und menschlichen Imperative im gegenwärtigen historischen Augenblick.

Leonardo Boff ist ekotheologe und Schriftsteller.
 

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