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Leben des Geistes, Ethik der Erde und Antoine de Saint-Exupéry

24/02/2016

Wenn es stimmt, dass die Klimaveränderungen von Menschen gemacht sind, d. h. dass ihr Ursprung im verantwortungslosen Verhalten der Menschen liegt (weniger der Armen, sondern vielmehr der großen Industriekonzerne), dann wird klar, dass es hier eher um eine ethische als um eine wissenschaftliche Frage geht. Das liegt daran, dass unser Verhältnis zur Natur und unserem Gemeinsamen Haus nicht adäquat und positiv war und auch heute nicht ist. Papst Franziskus sagt dies in seiner inspirierenden Enzyklika „Laudato Si“ über die Sorge um das Gemeinsame Haus (2015): „Niemals haben wir unser gemeinsames Haus so schlecht behandelt und verletzt wie in den letzten beiden Jahrhunderten… Diese Situationen rufen das Stöhnen der Schwester Erde hervor, die sich dem Stöhnen der Verlassenen der Welt anschließt, mit einer Klage, die von uns einen Kurswechsel verlangt.“ (Nr. 53)

Dieser Kurswechsel beinhaltet dringend eine regenerative Ethik für die Erde. Diese Ethik muss auf Prinzipien gegründet sein, die universell sind, verständlich und für jede und jeden praktikabel. Es geht um die essentielle Achtsamkeit, das liebevolle Verhältnis zur Natur, den Respekt für jedes Lebewesen, denn jeder und jede besitzt einen Wert in sich selbst, die mit allen geteilte Verantwortlichkeit für die gemeinsame Zukunft der Erde und der Menschheit, die universelle Solidarität, in der wir einander helfen, und schließlich das Mitgefühl, durch das wir das Leid der anderen und der Natur selbst zu unserem eigenen machen.

Diese Ethik für die Erde muss ihre beschädigte Lebenskraft wiederherstellten, sodass sie in der Lage ist, uns weiterhin all das zu geben, was sie uns schon immer während unserer gesamten Existenz auf diesem Planeten gegeben hat.

Doch eine Ethik für die Erde ist nicht ausreichend. Wir müssen sie durch Spiritualität ergänzen. Eine solche Spiritualität hat ihre Wurzeln in der Vernunft des Herzens und des Verstands. Von dort empfangen wir die Leidenschaft für die Achtsamkeit und eine ernsthafte Hingabe aus Liebe, Verantwortlichkeit und Mitgefühl für das Gemeinsame Haus.

Der bekannte und stets hoch verehrte Antoine de Saint-Exupéry schrieb in einem Text von 1943, der erst posthum bekannt wurde, dem Brief an General „X“ (Lettre au général „X“) ausdrücklich: „Es gibt nur ein einziges Problem, nur eines: wiederzuentdecken, dass es ein Leben des Geistes gibt, dass sogar noch höher ist als das Leben der Intelligenz, das einzige, das den Menschen zufriedenstellen kann“.

Ein weiterer Text aus dem Jahr 1936, als er Korrespondent für den Paris Soir während des spanischen Bürgerkriegs war, trägt den Titel „Es ist wesentlich, dem Leben einen Sinn zu verleihen“. In diesem Artikel greift er das Thema des Lebens des Geistes wieder auf. Zu diesem Zweck bekräftigt er: „Wir müssen einander in Gegenseitigkeit verstehen; der Mensch wird real nur gemeinsam mit anderen Menschen, in Liebe und Freundschaft; jedoch vereinen sich Menschen nicht nur, indem sie einander näher kommen, sondern indem sie in derselben Gottheit fusionieren. Wir sind durstig. In einer Welt, die zur Wüste gemacht wurde, dürsten wir danach, Kameraden zu finden, mit denen wir unser Brot teilen können“. Und den Brief an den General „X“ endet er mit den Worten: „Wir brauchen so sehr einen Gott…

Tatsächlich kann nur das Leben des Geistes den Menschen völlig zufriedenstellen. Das Leben des Geistes ist ein schönes Synonym für Spiritualität, die oft mit Religiosität identifiziert oder verwechselt wird. Das Leben des Geistes ist viel mehr. Es ist ein ursprünglicher Aspekt unserer tiefen Dimension, ein anthropologischer Fakt wie die Intelligenz und der Wille, etwas, das zu unserem Wesen gehört.

Wir wissen, wie wir unseren Körper pflegen müssen. Dies ist inzwischen ein wahrer Kult, der in so vielen Gymnastikkursen zelebriert wird. Die Psychoanalytiker diverser Richtungen helfen uns, uns um das Leben der Psyche zu kümmern, unsere Impulse, die in uns hausenden Engel und die Dämone, ins Gleichgewicht zu bringen, dieses Leben weiterhin in einem relativen Gleichgewicht zu halten.

Doch in unserer Kultur vergessen wir alle, das Leben des Geistes zu kultivieren. Dies ist unsere radikalste Dimension, in der die großen Fragen beheimatet sind, wo unsere kühnsten Träume sind und wo die großzügigsten Utopien formuliert werden. Das Leben des Geistes wird von solch immateriellen Gütern genährt wie der Liebe, Freundschaft, Mitgefühl, Achtsamkeit und Offenheit für das Unendliche. Ohne das Leben des Geistes ziehen wir heimatlos herum und ohne einen Sinn, der uns führt und unser Leben lebenswert macht.

Eine Ethik der Erde kann nicht lange allein bestehen ohne diesen Zusatz einer „supplément d’âme“, d. h. das Leben des Geistes, das uns zum Höchsten hinzieht und zu Taten, um Mutter Erde zu retten und wiederzubeleben. Ethik und das Leben des Geistes sind unzertrennliche Zwillingsschwestern.

Übersetzt von Bettina Gold-Harnack

 

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