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Die Atombombe über Hiroshima und die Olympischen Spiele in Rio

22/06/2016

Zu genau dem Zeitpunkt, an welchem die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro am 6. August 2016 um 8:00 Uhr abends beginnen, wird in Hiroshima (Japan) zur entsprechenden Zeit um 8:15 Uhr morgens des entsetzlichen Abwurfs der Atombombe auf diese Stadt gedacht werden. Diese Bombe forderte 242.437 Opfer einschließlich derer, die sofort starben, und derer, die später an den Folgen der radioaktiven Strahlung starben.

Im Kapitulationsschreiben vom 14. August räumte Kaiser Hirohito ein, dass „es eine Waffe war, die die totale Vernichtung der menschlichen Zivilisation verursachen könnte“. Tage später, als er dem Volk die Gründe für die Kapitulation mitteilte, erklärte er, die Hauptursache sei gewesen, dass die Atombombe „den Tod des ganzen japanischen hätte Volkes verursachen könne“. In seiner traditionellen Weisheit hatte Kaiser Hirohito Recht.

Die Menschheit zitterte. Dem Kosmologen Carl Sagen zufolge erkannte die Menschheit plötzlich, dass wir für uns selbst den Beginn unserer Selbstzerstörung erschaffen hatten. Jean-Paul Sartre sagte dasselbe: „Die Menschen werden sich die Mittel für ihre eigene Zerstörung aneignen.“ Entsetzt schrieb der große britische Historiker Arnold Toynbee, der kürzlich 12 Bände über die Geschichte der Zivilisationen schrieb, in seinen Memoiren (Erlebnisse & Erfahrungen, 1969): „Ich lebte, um zu erleben, dass das Ende der Geschichte der Menschheit eine anti-historische Möglichkeit wurde, die tatsächlich eintreten könnte, nicht als ein Eingriff Gottes, sondern als Tat der Menschen.“ Der berühmte französische Naturforscher Théodore Monod sagte nachdrücklich: „Wir sind zu sinnlosem und gestörtem Verhalten in der Lage; von nun an müssen wir alles befürchten, wirklich alles, selbst die Auslöschung der kompletten menschlichen Spezies“ (Und wenn das Abenteuer Menschheit versagt? 2000).

Tatsächlich hat das Entsetzen nichts bewirkt, denn Nuklear-Waffen wurden weiterhin entwickelt, sogar immer stärkere, die in der Lage sind, das Leben von unserem Planeten auszulöschen und der menschlichen Spezies ein Ende zu bereiten.

Zurzeit besitzen 9 Staaten Nuklarwaffen, insgesamt ca. 17.000. Und wir wissen, dass es keine absolute Sicherheit gibt. Die Katastrophen von Three Mile Island in den USA, Tschernobyl in der Ukraine und Fukushima in Japan belegen dies auf überzeugende Weise.

Vor einigen Tagen besuchte der US-Präsident Barak Obama zum ersten Mal Hiroshima. Er beklagte nur den Fakt und sagte: „Der Tod fiel vom Himmel und die Welt war verändert … unser moralisches Erwachen begann.“ Doch Präsident Obama hatte nicht den Mut, um Vergebung vom japanischen Volk für die apokalyptischen Szenen zu bitten, die sich dort ereigneten.

Darüber, wie dieser kriegerische Akt zu bewerten ist, wird heute weltweit diskutiert. Viele behaupten eher pragmatisch, dies sei der einzige Weg gewesen, um Japan zur Kapitulation zu zwingen und Tausende von Opfern auf beiden Seiten zu vermeiden. Andere halten den Gebrauch dieser tödlichen Waffe, nach der offiziellen japanischen Version, für einen „illegalen feindlichen Akt innerhalb der Normen des internationalen Rechts“. Wieder andere gehen noch weiter und behaupten, dass dies ein „Kriegsverbrechen“ und sogar „Staatsterrorismus“ war.

Heute sind wir geneigt zu sagen, dass es sich um einen kriminellen Akt gegen das Leben handelt, der in keiner Weise zu rechtfertigen ist, denn unter ökologischen Gesichtspunkten betrachtet, tötete die Bombe viel mehr als Menschen: alle Formen von Pflanzen, tierisches und organisches Leben und führte ebenfalls zur totalen Zerstörung von Kulturgütern. Normalerweise kämpfen in Kriegen Armeen gegen Armeen, Kriegsflugzeuge gegen Kriegsflugzeuge, Schlachtschiffe gegen Schlachtschiffe. Hier nicht. Es war ein totaler Krieg im Stil der Nazis, der alles tötete, was sich bewegt, der Wasser vergiftet, den Wind kontaminiert und die physikalisch-chemischen Lebensgrundlagen dezimiert. Albert Einstein weigerte sich, am Projekt der Atombombe teilzunehmen, und verurteilte dieses gemeinsam mit Bertrand Russel vehement.

Neben anderen tödlichen Bedrohungen gegen das Lebens- und das Erdystem, bleibt die nukleare Bedrohung die schrecklichste, ein wahres Damokles-Schwert, das über dem Kopf der Menschheit hängt. Wer kann die Irrationalität Nord-Koreas einschätzen, wenn eine zerstörerische Nuklearattacke ausgelöst wird?

Es gibt einen zutiefst menschlichen Vorschlag aus Sao Paulo, Brasilien, von der Gesellschaft der Überlebenden von Hiroshima und Nagasagi („Hibakusha“; man geht von ungefähr 118 Überlebenden aus, die in Brasilien leben), angeführt von Chico Whitaker, einem kämpferischen Gegner der Kernenergie, dass am 6. August zum Zeitpunkt der Eröffnung der Olympischen Spiele eine Schweigeminute eingehalten werden soll, um der Opfer von Hiroshima zu gedenken. Nicht nur dies, sondern auch dass unsere Gedanken sich gegen die Gewalt gegenüber Frauen, Flüchtlingen, Schwarzen und Armen wenden, die systematisch dezimiert werden (in Brasilien waren es allein im Jahr 2015 60 000 jugendliche Schwarze), gegen Indigene, die Quilombolas, die Landlosen, die Obdachlosen, im Prinzip alles Opfer der Unersättlichkeit unseres Systems der Anhäufung von Gütern.

Zu diesem Thema hat der Bürgermeister Hiroshimas bereits einen Brief an das Olympische Organisations-Komitee geschrieben. Hoffen wir, dass das Komitee diesen stummen Schrei gegen Krieg und für Frieden unter allen Völkern der Welt unterstützt.

Leonardo Boff    ist Ekotheologe und Schriftsteller

 

 

 

 

 

 

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