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Kein Papst ging bisher in der Verurteilung des Kapitalismus so weit

01/08/2016

Michael Löwy ist ein französisch-brasilianischer Soziologe und Philosoph,der sich gut mit der Denkweise der lateinamerikanischen Christen auskennt. Es ist interessant, seine Meinung durch das Interview zu erfahren, das er am 21. Juni 2016 dem Correio da Cidadania gab. Im Folgenden ein Auszug aus dem Interview Lboff:

Die Enzyklika “Laudato Sí“ ist ein direkter Angriff auf das kapitalistische System. Was bedeutet das, wenn man sich vor Augen hält, dass der Angriff von einem Papst stammt?

Bergoglio ist kein Marxist, und der Begriff „Kapitalismus“ kommt in seiner Enzyklika nicht vor. Doch ihm ist klar, dass die dramatischen ökologischen Probleme unserer Zeit aus den „Interaktionen der gegenwärtigen globalen Ökonomie“ resultieren, Interaktionen, die ein globales System schaffen, „ein strukturell perverses System aus Handelsbeziehungen und Eigentum“. Was sind diese „strukturell perversen“ Charakteristika für Franziskus? Zunächst einmal geht es um ein System, in dem die „unbeschränkten Geschäftsinteressen“ und eine „fragwürdige ökonomische Rationalität“ vorherrschen, eine instrumentelle Rationalität, deren einziges Ziel darin besteht, Profit zu vermehren. Für den Papst ist diese Perversität kein einzigartiges Charakteristikum des einen oder anderen Landes, sondern ein Charakteristikum für „ein Weltsystem, in dem Spekulation und die Prinzipien der Profitmaximierung und das Streben nach finanzieller Rentabilität vorherrschen, ein System, das dazu neigt, jeglichen Kontext und Auswirkung auf die Menschenwürde und die Umwelt zu ignorieren. Dadurch zeigt sich die enge Verflechtung zwischen Umweltverschmutzung einerseits und menschlicher und ethischer Verkümmerung andererseits.“ Andere perverse Eigenschaften des Systems bestehen in der Besessenheit auf unbegrenztes Wachstum, Konsumdenken, Technokratie, in der absoluten Beherrschung durch das Geld und in der Vergötterung des Markts. In seiner destruktiven Logik wird alles zur Ware degradiert und zur „finanziellen Kosten-Nutzen-Rechnung“. Doch wir wissen, dass „die Umwelt eines der Dinge ist, welche die Marktmechanismen nicht beschützen oder adäquat voranbringen können.“ Der Markt ist nicht in der Lage, die qualitativen, ethischen, sozialen, menschlichen oder natürlichen Werte, d. h. die „Werte, die jegliche Kalkulation übersteigen“ in Betracht zu ziehen. Die „absolute“ Macht des spekulativen Finanzkapitals ist ein wesentlicher Aspekt dieses Systems, wie sich bei der jüngsten Finanzkrise herausstellte. Der Kommentar der Enzyklika darüber spricht deutliche Worte: „Die Banken zu jedem Preis zu retten und den Menschen dafür bezahlen zu lassen, bestätigt die absolute Herrschaft des Finanzsektors. Dies kann keine Zukunft haben und generiert nur neue Krisen nach langen kostspieligen vermeintlichen Erholungen.“ Indem er stets den Bezug zu den ökologischen und sozialen Fragen herstellt, zeigt Franziskus, dass „dieselbe Logik, welche drastische Maßnahmen gegen die Erderwärmung erschwert, es unmöglich macht, das Ziel der Ausrottung der Armut zu erreichen.“ In der katholischen Kirche gibt es eine alte Tradition, den liberalen Kapitalismus zu kritisieren bzw. die „Exzesse“ des Kapitals, aber kein Papst vor Franziskus ging bisher so weit in seiner Kapitalismuskritik.

Was kann die Befreiungstheologie den Linken dieser Welt lehren in Anbetracht der unterschiedlichen Gedankenströmungen?

Zuerst einmal lehrt uns die Befreiungstheologie, dass Religion etwas anderes sein kann als ein simples “Opium fürs Volk”. Darüber hinaus sahen Marx und Engels die mögliche Entstehung von religiösen Bewegungen mit einer antikapitalistischen Dynamik voraus. Die Linke muss religiöse Überzeugungen mit Respekt behandeln und linke Christen als einen wesentlichen Teil der Bewegung zur Befreiung der Unterdrückten anerkennen. Die Befreiungstheologie lehrt uns ebenfalls die Bedeutung von Ethik im Prozess der Bewusstmachung und des Vorrangs der Arbeit an der Basis, gemeinsam mit den populären Volksschichten, in deren Nachbarschaft, in ihren Kirchen, ihren ländlichen Gemeinden und in ihren Schulen.

Befindet sich die katholische Kirche Brasiliens auf einer Linie mit Papst Franziskus?

Der Großteil der Bischöfe der brasilianischen Bischofskonferenz, der CNBB, befindet sich mit Franziskus auf einer Linie. Manche würden sogar gern etwas weiter gehen. Andere hingegen denken, dass Franziskus die Glaubenslehre gefährdet, und sie versuchen, seine Vorstöße zu behindern. Doch trotz ihrer Beschränkungen, insbesondere hinsichtlich der Rechte der Frauen auf ihren Körper – Scheidung, Verhütung, Abtreibung -, ist die brasilianische Kirche eine der fortschrittlichsten in der katholischen Welt.

Sollte die “Option für die Armen”, ein Gerüst aus Ideen und praktischen Aktionen, die dem gegenwärtigen politischen und ökonomischen System, das auf Anhäufung und Rückhaltung von Kapital ausgerichtet ist, entgegenstehen, umgesetzt werden, würde dies ganz klar zu einer gewalttätigen Konfrontation führen. Was wäre Ihrer Meinung nach die Haltung des Papstes diesbezüglich?

Traditionell versucht die Kirche, gewalttätige Konfrontationen zu “meiden”. Doch bei der Konferenz der lateinamerikanischen Bischöfe 1968 in Medellin wurde eine wichtige Resolution gefasst, die dem Volk das Recht auf Aufstand gegen die Tyrannei und unterdrückerische Strukturen zugesteht. Wie wir wissen, zogen einige Mitglieder des Klerus die logische Konsequenz aus ihrer Option für die Befreiung des Volkes und für den Kampf auf dessen Seite und nahmen an bewaffneten Befreiungskämpfen teil. Dies war bei Camilo Torres in Kolumbien der Fall, der in die Nationale Befreiungsarmee (Ejercito de Liberacion Nacional) eintrat und 1966 im Kampf fiel. Einige Jahre später unterstützte eine Gruppe junger Dominikaner die Nationale Befreiungsaktion ALN, angeführt von Carlos Marighella, im Kampf gegen die Militärdiktatur. Und in den 1970er Jahren nahmen die Cardenal-Brüder und einige andere Ordensleute an der Nationalen Befreiungsfront Nicaraguas (Frente de Liberacion Nacional) teil. Es ist schwer vorauszusagen, welche Arten „gewalttätiger Konfrontationen“ gegen das kapitalistische System auftreten werden, und noch schwerer, welche Position die Kirche dabei einnähme.

Leonardo Boff ist Philosoph und Theologe

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