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Gelegentlich probieren die Superreichen einen Putsch

24/08/2016

Die brasilianische Plutokratie (laut der IPEA sind dies 71 tausend Multimillionäre) hat wenig Phantasie. Sie bedient sich derselben Methoden, derselben Sprache, derselben pharisäischen Zuflucht zum Moralismus und zur Bekämpfung der Korruption, um ihre eigene Korruption zu verbergen und einen Coup gegen die Demokratie zu landen, mit dem Ziel, ihre Privilegien zu schützen. Jedesmal, wenn eine Demokratie auftrat, die sich für soziale Fragen öffnet, erfüllt dies die Oberen Zehntausend mit Angst. Sie bündeln dann Kräfte, die den politischen Sektor einschließt, die Staatsanwaltschaft, die Bundespolizei und vor allem die konservative und reaktionäre Presse wie im Fall des Konglomerats O Globo. Das Gleiche geschah bei Getulio Vargas, Joao (Jango) Goulart und nun mit Lula da Silva und mit Dilma Rousseff.

In einem Interview mit La Folha de São Paulo (24.04.2016) schrieb Jesse Souza ganz richtig: „Unserer wohlhabende Elite lag das Geschick unseres Landes nie am Herzen. Brasilien ist eine Bühne für die Streits dieser beiden Projekte: dem Traum eines großen und machtvollen Landes für die Mehrheit einerseits – und die Realität einer habgierigen Elite andererseits, die das Geld von jedermanns Arbeit aufsaugen will und den Reichtum des Landes plündern, um damit die Taschen der Reichen zu füllen. Die wohlhabende Elite ist nur deshalb an der Macht, weil sie in der Lage ist, alle anderen Eliten zu ‚kaufen‘.“ (Wer landete den Putsch gegen wen).

Im aktuellen Prozess zur Amtsenthebung, der Entfernung von Präsidentin Dilma Rousseff, hatten sie einen machtvollen Verbündeten: den staatlichen Komplex aus Gerichtsbarkeit und Polizei, der die Bajonetten ersetzt. Der Vizepräsident eignete sich widerrechtlich den Titel des Präsidenten an und stellte ein Schatten-Ministerium aus mehreren korrupten Ministern zusammen, schwächte die Ministerien für Kultur und Kommunikation sowie die Menschenrechte der Schwarzen und der Frauen, kürzte auf kriminelle Weise die Budgets für Gesundheit und Bildung, die Rechte der Arbeiter, das Mindesteinkommen, die Rechte bezüglich Arbeit, Rente und anderer sozialer Vorteile, die von den vergangenen zwei Regierungen geschaffen worden waren.

Hinter dem parlamentarischen Coup stecken zwei Kräfte, die Jesse Souza erwähnt. Papst Franziskus sagte dies sehr richtig vor zwei Monaten zu Leticia Sabatelle, als diese und andere bekannte Juristen eine Audienz mit dem Papst in Rom hatten, und sie teilten mit Papst Franziskus ihre Sorge über die Bedrohung der brasilianischen Demokratie. Papst Franziskus kommentierte dies mit den Worten: „Dieser Putsch stammt von den Kapitalisten.“

Tatsache ist, dass wir alle müde sind von so viel Korruption, die ganz richtig angeprangert wird, und von den Verzögerungen im Prozess der Amtsenthebung.

Niemand weiß, wohin der Weg uns führt. Eines scheint klar: Das gesellschaftliche Gerüst, das seit Kolonialisierung und Sklaverei mit der reichen Klasse in der Regierung geschaffen wurde, sei es in Gesellschaft oder in der Staatsstruktur, geht seinem Ende zu.

In so düsteren Zeiten wie der jetzigen brauchen wir ein Minimum an theoretischem Konzept, das uns Licht und etwas Hoffnung bringt. Ich lasse mich darin vom bereits verstorbenen Arnold Toynbee leiten. Er war der britische Historiker, der zehn Bände über die Geschichte der Zivilisationen schrieb. Um Entstehung, Entwicklung, Reifung und Niedergang einer Zivilisation zu erklären, benutzt Toynbee einen völlig simplen, aber aufschlussreichen Test: „Herausforderung und Antwort“.

Toynbee sagt: Innerhalb von Zivilisationen gibt es immer wieder fundamentale Krisen. Sie sind Herausforderungen, die eine Antwort erfordern. Ist die Antwort auf die Herausforderung exzessiv, so kommt es zu Arroganz und Machtmissbrauch. Das Ideal besteht darin, die Gleichung für ein Gleichgewicht zwischen Herausforderung und Antwort zu finden, sodass die Zivilisation ihren Zusammenhalt wahrt, neue Herausforderungen positiv angeht und erblüht.

Um auf Brasiliens zurückzukommen: Die Wohlhabenden und Mächtigen können nicht auf die Herausforderung antworten, die von der Basis kommt, welche in den vergangenen Jahren enorm an Bewusstsein gewann und ihre Rechte mehr und mehr einklagte. Gleichgültig, wie sehr die Wohlhabenden und Mächtigen die Zahlen auch manipulieren, sie wissen, dass es schwer für sie sein wird, durch Wahlen zurück an die Macht zu kommen. Daher landeten sie diesen Coup. Demoralisiert wie sie sind, können sie einem neuen Brasilien, das sich ihrer Kontrolle entzogen hat, nichts bieten.

Das Erbe der gegenwärtigen Krise wird sich vermutlich zeigen im Entstehen einer neuen Art Brasiliens, seiner Demokratie, seines Staates und anderer Formen von Mitbestimmung des Volkes.

Die Schmerzen der Gegenwart sind nicht die eines Sterbenden am Tor zum Tode, sondern die Geburtswehen eines anderen Brasiliens: demokratischer, mit mehr Mitbestimmung für das Volk und mehr Sensibilität gegenüber der schlimmsten Wunde, die uns mit Scham erfüllt: die abgrundtiefe soziale Ungleichheit. Schließlich wird es ein humaneres Brasilien geben, in dem wir einfach nur glücklich sein können.

Leonardo Boff ist Theologe, Philosoph und Schriftsteller.

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