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Weltweites Chaos: das Gespenst der totalen Herrschaft

07/11/2016

„Weltweites Chaos: das Gespenst der totalen Herrschaft“ lautet der Titel des jüngsten Buches von Luiz Alberto Moniz Bandeira (Civilização Brasileira, 2016), unserem angesehensten Analysten für internationale Politik. Der Autor, der in Deutschland lebt, hatte Zugang zu den sichersten Informationsquellen, zu zahlreichen Archiven, denen er sein weit reichendes Wissen über die Geschichte hinzufügt. Das Buch zählt 643 dicht beschriebene Seiten, die mit Flüssigkeit und Eleganz geschrieben sind, sodass es sich an vielen Stellen liest wie ein historischer Roman.

Vor allem aber ist Moniz Bandeira ein akribisch genauer Forscher und gleichzeitig ein Kämpfer gegen den Imperialismus der USA, deren Eingeweide er mit einem chirurgischen Skalpell auseinander nimmt. Nicht ohne Grund sperrte man ihn von 1969 – 1970 ins Gefängnis und auch nochmals 1973 durch den Furcht erregenden Nachrichtendienst der Marine (Centro de Informaciones de la Marina, Cenimar), weil er sich im Kontext des Kalten Krieges kritisch gegenüber dem hauptsächlichen Unterstützer der brasilianischen Diktatur, den USA, geäußert hatte.

Das ihm zur Verfügung stehende Material erlaubt es ihm, die gegenwärtige imperialistische Logik im Untertitel seines Buches anzuprangern: „Stellvertreterkriege, Terror, Chaos und humanitäre Katastrophen“. Diejenigen, die immer noch voll Bewunderung für die nordamerikanische Demokratie sind und sich an ihren imperialistischen Plänen auszurichten suchen (wie die brasilianischen Neoliberalen), finden hier reichhaltiges Material für eine kritische Betrachtung und für ein differenzierteres Verständnis der Welt.

Zwei Themen leiten die Machtzentralen der USA mit ihren zahllosen Organen innerer und äußerer Sicherheit: „eine Welt und nur ein Reich“ oder „nur ein Plan“ und „eine Vision totaler Herrschaft (das ganze Spektrum von Dominanz/Überlegenheit)“. D. h. die US-amerikanische Außenpolitik ist inspiriert vom (illusorischen) „Exzeptionalismus“ der alten „offenkundigen Bestimmung“, eine Variation des „auserwählten Volkes Gottes, der überlegenen Rasse“, die gerufen ist, weltweit Demokratie, Freiheit und Rechte (jeweils gemäß der imperialistischen Interpretation dieser Begriffe) zu verbreiten und sich selbst (anmaßenderweise) als „die unentbehrliche und notwendige Nation“ anzusehen, als „Anker der globalen Sicherheit“ oder „die einzige Macht“.

Bereits im 18. Jahrhundert hatten Edmund Burke (1729-1797) und im 19. Jahrhundert der Franzose Alexis de Tocqueville (1805-1859) die Vorahnung, dass der US-amerikanische Präsident mehr Macht haben würde als ein absolutistischer Monarch und dass dies zu einer militärischen Demokratie (S. 55) degenerieren würde. Tatsächlich wurde mit George W. Bush als Ergebnis des Angriffs auf die „Twin Towers“ eine wahre militärische Demokratie errichtet mit dem Ausrufen des Kriegs gegen den Terror und des Patriot Act, der grundlegende Bürgerrechte außer Kraft setzte, das Habeas Corpus unterminierte und Folter erlaubte. Dies ist gewiss ein terroristischer Zustand

Mehrere US-amerikanische Wissenschaftler, zitiert von Moniz Bandeira (S. 470), bestätigten: „Dies ist keine Demokratie mehr, sondern eine Beherrschung durch die Wirtschaftselite, der sich der Präsident unterwerfen muss. Entscheidungen werden durch den militärisch-industriellen Komplex (der Kriegsmaschinerie) getroffen, durch Wall Street (Financiers), durch machtvolle Business Organisationen und eine kleine Zahl von sehr einflussreichen Nordamerikanern. Um die „Vision totaler Herrschaft“ zu gewährleisten, werden 800 Militärbasen weltweit aufrechterhalten, deren Mehrzahl mit nuklearem Equipment ausgestattet ist, und 16 Sicherheitsbehörden mit 107 035 zivilen und militärischen Kräften. Wie Henry Kissinger sagte: „Die Mission der USA besteht darin, Demokratie zu propagieren, notfalls mithilfe von Gewalt“ (S. 443). Unter dieser Logik gab es von 1776 bis 2015, d. h. in den 239 Jahren der Existenz der USA, 218 Kriegsjahre und lediglich 21 Jahre Frieden (S. 472).

Es bestand die Hoffnung, dass Barack Obama dieser gewalttätigen Geschichte eine neue Richtung verleihen würde. Dies war eine Illusion. Obama änderte lediglich die Namen, doch hielt den Geist des Exzeptionalismus aufrecht sowie die Folterungen in Guantanamo und an anderen Orten außerhalb der USA, wie zu Zeiten von Präsident Bush. Dem Ewigen Krieg gab er den Namen Operation Übersee-Kontingent. Durch die (sträflicherweise) persönliche Entscheidung autorisierte er hunderte von Dronen-Angriffen durch unbemannte Flugzeuge, um die wichtigsten arabischen Oberhäupter zu töten (S. 476).

Mit einiger Enttäuschung sagte Bill Clinton: „Die Vereinigten Staaten haben seit 1945 keinen einzigen Krieg gewonnen“ (S. 312). In der Stille der Nacht flohen sie aus dem Irak (S. 508).

Das Buch von Moniz Bandeira behandelt mit minimalen Details die Kriege in der Ukraine, der Krim und den Islamischen Staat von Syrien und benennt die Namen der Hauptakteure und Daten.

Die Konklusion ist erschütternd: „Wo auch immer die USA mit dem speziellen Ziel, Demokratie zu bringen, intervenieren, beinhaltet dieses spezielle Ziel Bombardierungen, Zerstörung, Terror, Massaker, Chaos und humanitäre Katastrophen … Sie kommen, um ihre eigenen Bedürfnisse zu verteidigen, ihre ökonomischen und geopolitischen Interessen; und ihre imperialistischen Interessen“ (S. 513).

Die Menge an dargestellten Informationen werden diesem Anspruch gerecht, auch nach Abstrich gewisser Einschränkungen, die immer einmal gemacht werden müssen.

Leonardo Boff Theologe und Philosoph  von der Erdcharta Kommission

übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

 

 

 

 

 

 

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