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Die Gekreuzigten von heute und der Gekreuzigte von gestern

25/04/2017

Der Großteil der Weltbevölkerung lebt heute unter dem Kreuz des Elends, des Hungers, der Wasserknappheit und der Arbeitslosigkeit. Auch die Natur wird gekreuzigt, verwüstet durch die industrielle Gier, die sich weigert, jegliche Grenzen zu akzeptieren. Mutter Erde wird gekreuzigt, ist so sehr erschöpft, dass sie ihr inneres Gleichgewicht verloren hat, was sich in der globalen Erwärmung zeigt.

Im religiösen und christlichen Verständnis wird Christus selbst in all diesen gekreuzigten Wesen als gegenwärtig gesehen. Indem er unsere menschliche und kosmische Realität annahm, leidet er mit allen Leidenden. Er blutet noch immer in unserem dezimierten Ökosystem und am verunreinigten Wasser. Die Inkarnation des Gottessohnes bildete eine geheimnisvolle Solidarität des Lebens und Geschicks mit allem, das Er auf sich nahm, mit unserer ganzen Menschheit und allem Licht und Schatten, das unser Menschsein mit sich bringt.

Im Markusevangelium, dem ältesten der Evangelien, lesen wir die schrecklichen Worte zu Jesu Tod. Von allen verlassen, oben am Kreuz, fühlt er sich auch vom Vater der Güte und der Barmherzigkeit verlassen. Jesus ruft:

Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“Jesus aber schrie laut auf. Dann hauchte er den Geist aus“ (Mk 15,34.37).

Jesus starb nicht so, wie wir alle sterben. Er starb ermordet in der zu damaliger Zeit demütigendsten Weise: ans Kreuz genagelt. Zwischen Himmel und Erde hängend quälte er sich drei lange Stunden am Kreuz.

Die Ablehnung durch Menschen, die zu Jesu Kreuzigung hat führen können, kann nicht die Bedeutung wiedergeben, die Jesus Seinem Kreuzestod gab. Der Gekreuzigte definierte den Sinn Seiner Kreuzigung als Solidarität mit allen Gekreuzigten der Geschichte, die wie Er Opfer waren, sind und sein werden: von Gewalt und ungerechten sozialen Beziehungen, von Hass, von Demütigung der Niedrigen und der Ablehnung des angekündigten Reiches der Gerechtigkeit, Geschwisterlichkeit, des Mitgefühls und der bedingungslosen Liebe.

Trotz Seiner solidarischen Hingabe zu den Anderen und zu Seinem Vater durchfährt eine grausame und letzte Versuchung Seinen Geist. Der große Konflikt Jesu, in seiner Todesqual, ist jener mit Seinem Vater.

Der Vater, den Er in tiefer kindlicher Vertrautheit erfahren hatte, der Vater, den Er als barmherzig und voller Güte verkündigte, ein Vater mit den Zügen einer liebevollen und fürsorglichen Mütter, der Vater, dessen Königreich Er ausgerufen und in Seinen befreienden Handlungen vorangebracht hatte, dieser Vater scheint Ihn nun verlassen zu haben.

Jesus geht durch die Hölle der Abwesenheit Gottes.

Um die dritte Nachmittagsstunde, Minuten vor seinem tragischen Ende, rief Jesus mit lauter Stimme: “Eloi, Eloi, lama sabachtani: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Jesus hat fast alle Hoffnung verloren. Aus der tiefsten Leere Seines Geistes steigt eine schreckliche Infragestellung auf, welche die verblüffendste Versuchung schafft, die Menschen je erlitten, und nun auch Jesus, die Versuchung der Verzweiflung. Jesus fragt sich selbst:

„Könnte es sein, dass mein Glaube absurd war? Ist der Kampf, den die Unterdrückten und Gott führen, sinnlos? War alles vergeblich: die Risiken, die ich einging; die Verfolgungen, die ich ertrug; der demütigende religionsrechtliche Prozess, in dem ich zur Höchststrafe verurteilt wurde: die Kreuzigung, die ich nun erleide?“

Jesus findet Sich selbst nackt, machtlos, völlig leer vor dem Vater, der schweigt und dessen Schweigen Sein ganzes Mysterium enthüllt. Er hat keinen mehr, an den Er sich halten kann.

Nach menschlichen Kriterien beurteilt ist Jesus auf ganzer Linie gescheitert. Seine innere Sicherheit verschwindet. Doch selbst in der am Horizont untergehenden Sonne hält Jesus am Vertrauen in den Vater fest. Aus diesem Grund ruft er laut: „Mein Vater, mein Vater…“ Auf dem Höhepunkt Seiner Verzweiflung begibt sich Jesus selbst in das wahrhafte namenlose Mysterium. Dies wird Seine einzige Hoffnung jenseits jeglicher Sicherheit sein. Durch Sich selbst hat Er keine Stütze mehr, nur durch Gott, der sich verbirgt. Die absolute Hoffnung Jesu kann nur in der Annahme Seiner völligen Verzweiflung verstanden werden. Wo Hoffnungslosigkeit überfließt, war Hoffnung im Überfluss vorhanden.

Die Größe Jesus bestand im Ertragen und Überwinden dieser fürchterlichen Versuchung. Diese Versuchung führte Ihn zu einer totalen Hingabe zu Gott, einer bedingungslosen Solidarität mit Seinen Brüdern und Schwestern, die ebenfalls im Lauf der Geschichte hoffnungslos waren und gekreuzigt wurden, eine völlige Veräußerung Seiner selbst, ein absolutes Aus-sich-Heraustreten hin zu den Anderen. Der Tod ist nur auf diese Weise Tod und kann nur so komplett sein: die perfekte Hingabe zu Gott und zu den leidenden Söhnen und Töchtern Gottes, die Geringsten Seiner Brüder und Schwestern.

Die letzten Worte Jesu machen Seine Hingabe deutlich, weder als resigniert oder schicksalsergeben, sondern frei: “Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist” (Lk 23,46). „Es ist vollbracht“ (Joh 19,30).

Der Karfreitag setzt sich fort, doch er hat nicht das letzte Wort. Die Auferstehung als das Aufkommen des neuen Seins ist die große Antwort des Vaters und Sein Versprechen für uns alle.

übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

Leonardo Boff
Theologe und Philosoph
Erdcharta Kommission

 

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One Comment leave one →
  1. 21/08/2017 14:54

    Obrigado pelo artigo gostei bastante.
    Muito interessante mesmo! Continue com o bom trabalho!

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