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Die aktuelle sozialpolitische Krise verlangt nach Propheten

09/03/2019

“Die Armen sagen uns, wer wir sind. Die Propheten sagen uns, wer wir sein könnten. Also verstecken wir die Armen und töten die Propheten“ behauptet Philip Berrigan (Jonah Hous).

Prophezeiungen sind nicht nur ein biblisches Phänomen. Sie finden sich auch in anderen Religionen wie in Ägypten, Mesopotamien, Mari und Kanaan. Es gab und gibt sie zu allen Zeiten, auch in unserer. Um einige Arten von Propheten (prophetische Gemeinden, Visionäre, Kultpropheten, Hofpropheten etc.) soll es hier nicht gehen. Die Propheten des Ersten Testaments (des sogenannten Alten Testaments) wie Hosea, Amos, Micha, Jeremia und Jesaia waren Klassiker. Sie hatten ein Feingefühl für soziale Themen.

In der Tat gab es schon immer zu allen Zeiten des Christentums den prophetischen Geist. Dies lässt sich auch für hier und jetzt nicht leugnen, um nur Brasilien mit Dom Helder Camara, Kardinal Dom Paulo Evaristo Arns, Dom Pedro Casaldaliga, Oscar Romero, Angelleli u. a. zu nennen.

Ein Prophet ist eine Person, die sich empört, die für Recht und Gerechtigkeit kämpft, insbesondere im Einsatz für die Armen, die Schwachen und Witwen, und die auftritt gegen diejenigen, die die Bauern ausbeuten, die Gewichte und Maße fälschen, und die gegen den Luxus der königlichen Paläste aufstehen. Sie hören den Ruf in ihrem Inneren, der im biblischen Code als göttliche Mission interpretiert wird. Amos, der ein einfacher Hirte war, Micha, ein kleiner Bauer, und Hosea, der mit einer Prostituierten verheiratet war, verließen ihre alltägliche Arbeit und gingen auf den Tempelhof oder vor den Königspalast, um ihre Vorwürfe zu erheben. Doch sie prangerten nicht nur an. Sie kündigten Katastrophen an, und dann sprachen sie von neuer Hoffnung und einem neuen und besseren Neustart.

Propheten sind auch aufmerksam in Bezug auf nationale und internationale historische Ereignisse. Z. B. Micha tadelte in Ninive, der Hauptstadt des assyrischen Reichs: „Wehe der blutrünstigen Stadt, darin ist alles eine Lüge. Sie ist voller Raubüberfälle, und die Plünderungen nehmen kein Ende. Ich werde dich mit Dreck bewerfen“ (3,1.6). Jeremias nennt Babylon „die Metropole des Terrors“.

Wir müssen die Vorhersagen der Propheten richtig verstehen. Es ist nicht so, dass sie Katastrophen vorhersagten, als hätten sie Zugang zu einem speziellen Wissen. Gemeint ist eher: Wenn die bestehende Situation anhält und die Ausbeutung und die Praktiken gegenüber den Hilflosen kein Ende nehmen und Jahwe weiterhin nicht verehrt wird, dann wird etwas Schreckliches geschehen.

Natürlich sind die Propheten nicht schmeichelhaft für die Mächtigen, die Könige oder sogar das Volk. Sie werden als „Störer der Ordnung“ bezeichnet und als „Verschwörer gegen das Gericht oder den König“. Aus diesem Grund werden Propheten verfolgt, so wie Jeremia, der gefoltert und eingesperrt wurde. Andere wurden getötet. Nur wenige Propheten starben in hohem Alter eines natürlichen Todes, doch niemand kann sie zum Schweigen bringen.

Offensichtlich gibt es auch falsche Propheten. Jene, die in den Gerichten leben und Freunde der Reichen sind. Sie kündigen nur Angenehmes an und werden sogar dafür bezahlt. Es gibt einen klaren Widerspruch zwischen falschen und wahren Propheten. Ein Zeichen für die Echtheit eines Propheten ist, wenn er Kopf und Kragen riskiert, um sich für die Sache der Gedemütigten und die Erde einzusetzen, die stets nach Recht und Gerechtigkeit schreit und sich unermüdlich für das einsetzt, was recht und gerecht ist.

Propheten tauchen in Krisenzeiten auf, um illusorische Projekte anzuprangern und um einen Weg zu verkünden, der den Erniedrigten Gerechtigkeit bringt und der eine Gesellschaft schafft, die Gott gefällt, da sie den Gedemütigten und den Unsichtbaren dient. Recht und Gerechtigkeit sind die Grundlage von dauerhaftem Frieden. Dies ist die zentrale Botschaft der Propheten.
Wir erleben zurzeit eine schwere Krise sowohl auf nationaler als auch auf globaler Ebene.

Gruppen von Wissenschaftlern und Analysten des Zustandes der Erde warnen uns, dass wir, wenn wir der Logik der grenzenlosen Akkumulation von Gütern folgen, eine schwerwiegende sozial-ökologische Katastrophe vorbereiten. Wir sind nicht auf dem Weg in die Erderwärmung. Wir befinden uns bereits in ihr. Die Zeichen dafür sind unleugbar.

Diese Stimmen, selbst die von höchster Autorität, werden weder von den „Entscheidungsträgern“ gehört noch von den Reichen. In unserem Land, das in eine beispiellose Krise getaucht ist und auf chaotische Weise von inkompetenten und sogar lächerlichen Personen regiert wird, fehlen Propheten, die anprangern und auf sinnvolle Wege hinweisen, die uns aus dieser Sackgasse hinausführen.

Die Worte von dem Soziologe Márcio Pochmann befinden sich auf derselben Linie wie die der Propheten: „Wenn der durch Temer eingeschlagene Weg des Neoliberalismus beibehalten und nun durch den Ultraliberalismus vertieft wird, welcher die verwirrte Regierung Bolsonaros dominiert, wird die Entwicklung Brasiliens tendenziell wie die von Griechenland sein mit bankrott gehenden Unternehmen und einer zusammenbrechenden öffentlichen Verwaltung. Das Schlimmste kommt schnell auf uns zu.“

Andere gehen noch weiter: „Wenn sozialpolitische Reformen durchgesetzt werden, die der Marktlogik folgen, rein kompetitiv und nicht kooperativ, wird Brasilien in eine Nation der Parias verwandelt werden“. Wir brauchen religiöse und zivile Propheten, Männer und Frauen, die zumindest eine prophetische Haltung haben, um anzuprangern, dass der eingeschlagene Weg in eine Katastrophe münden wird.

Jesaias Worte sind aktuell: „Das Volk, das im Dunkel lebt, sieht ein helles Licht. Über denen, die im Land der Finsternis wohnen, strahlt ein Licht auf.“ (9,1-2)

Leonardo Boff  ist Ökologe-Theologe-Philosoph und von der  Erdcharta Kommission
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